Freitag, 27. August 2010

Arbeiten und Essen - Iftar bei Abir und Rahub

Es ist schon kurz nach Mitternacht – aber ein kleines Update möchte ich doch schreiben, da der letzte Eintrag ja nun schon einige Tage her ist. Die Zeit vergeht hier in rasendem Tempo. Ich bin jetzt als Pressesprecher die meiste Zeit mit Arbeiten am Computer beschäftigt – das ist zurzeit z.B. die Erstellung einer zentralen Tabelle mit allen Journalisten, die uns angeschrieben und/oder über uns geschrieben haben, die Aktualisierung des Cinema Jenin Flyers und der Website, überhaupt das Antworten auf Presseanfragen, wovon momentan aber nicht so viele kommen. Außerdem sind in naher Zukunft weitere Aktionen zum Fundraising geplant – so hat vor kurzem Iris Berben eine ‚Stuhlpatenschaft‘ übernommen. Das heißt sie hat für einen der Stühle im Kino gespendet, was nun mit einer Namensplakette bedacht wird. Da es noch viel mehr Stühle gibt, die Paten suchen, wollen wir dafür mehr Werbung machen – auf der Website, aber soweit möglich auch z.B. in Kinos in Deutschland.

Natürlich besteht der Tag hier nicht nur aus Arbeit. Morgens wird gemütlich gefrühstückt und arabischer Kaffee getrunken. Mittags macht Ayman für uns Voluntäre ein leckeres Essen und danach nochmal arabischen Kaffee. Und abends essen wir dann entweder Reste vom Mittag oder wir gehen zu Allam’s Cafeteria im Kinogarten. Da habe ich heute leckeres gebratenes Hühnchenfleisch mit Salat und arabischem Brot gegessen. Oder man wird zum Iftar eingeladen – dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang zuzeiten von Ramadan.

Ich war nun schon dreimal bei unterschiedlichen Familien. Gestern Abend z. B. waren zwei Freundinnen und ich bei der Familie von Abir und Rahub eingeladen. Die beiden sind finanziell ein bisschen besser gestellt und haben ein schönes, kleines Häuschen hier in Jenin. Das Abendessen fängt ca. um 18:30 Uhr an, nachdem der Muezzin gegen Ende seines Gesangs ‚Allahu akbar‘ (Gott ist groß) gesunden hat. Wir hatten das palästinensische Nationalgericht, dessen arabischen Namen ich vergessen habe. In der Übersetzung bedeutet es aber ‚upside down‘ (also in etwa: auf den Kopf gestellt). Es ist Gewürzter Reis, mit kleinen gebratenen Nudeln, Nüssen und Hühnchenfleisch. Dazu gab es Kubbeh – kiwigroße Hackfleischbällchen die mit Nüssen und unglaublich leckeren Gewürzen gefüllt sind. Als Nachtisch gab es dann so kleine, mit Walnüssen gefüllte Pfannkuchen, die – ich glaube – frittiert und in Honig getränkt waren. Das alles hat Abir nicht etwa gekauft, sondern alles selbst gemacht – denn, wie sie uns erzählt hat, isst sie die ganzen Sachen einfach viel lieber, wenn sie hausgemacht sind. Beim Kochen werden auch die drei Kinder der beiden – zwei Jungs: Obada (8) und Sef (5) und ein Mädchen: Amila (10) – voll eingebunden. Und nicht nur dabei: Denn kaum waren wir fertig mit Essen, sind die Kinder aufgestanden und haben zuerst ihren eigenen, kleinen Kindertisch auf- und weggeräumt und danach dann mit uns den ‚großen‘ Tisch aufgeräumt. Das war wirklich faszinierend anzuschauen, wie gut erzogen und bescheiden die drei Kleinen sind. Obada hat mir nach einiger Zeit erzählt, dass er sehr gerne Englisch spricht und mit dann zuerst die Namen ihrer drei Katzen beigebracht (Hob – Liebe, Silverstar und den dritten habe ich vergessen) und dann die von ihm gepflegten Pflanzen im Garten gezeigt. Zwei der Katzen hatte ich übrigens bestimmt eine Stunde auf dem Schoß :-) Später hat Abir uns erzählt, dass Obada in der Schule fast jeden Tag ans schulinterne Mikrofon geholt wird, um – ich glaube in der Pause – etwas zu singen. Das hat er uns dann auch mit einem kleinen Lied vorgeführt – sehr niedlich!!

Der Text des Songs hat mich dann aber doch etwas nachdenklich gestimmt. Es ist ein Lied über ‚unser Land Palästina‘ und wie schön und frei das Land in der Vergangenheit gewesen ist. Eine Zeile hatte es vor allem in sich: darin ging es darum wie die Märtyrer, die im Kampf (gegen Israel) gefallen sind, ihr Blut für ihr Land gegeben haben, damit es irgendwann wieder so wird wie in der Vergangenheit. Mit dieser Verbindung zur Vergangenheit ihrer (Ur-)Großväter und einer starken Bindung an ihr Land und dem Wunsch nach Freiheit wachsen die Kinder hier von klein an auf… Abir hat uns auch einige kurze Geschichten von dem Leben während der Intifada erzählt, als sie beide nicht arbeiten konnten, oft Ausgangssperren von Israel verhangen wurden und die Menschen zusehen mussten, wie sie Geld für Nahrung etc. verdienen. Abir und Rahub haben u.a. durch das Züchten von Küken Geld verdient.

So, es ist gleich Eins und ich werde mich auf den Weg ins Guesthouse und ins Bett machen. Ich werde in zwei/drei Tagen mehr schreiben und demnächst auch wieder mehr mit Fotos berichten. Die Fotos von Jerusalem muss ich auch noch hochladen – fertig sind sie schon.

Alles Gute aus Jenin!
Daniel

P.S.: Eine Sache fällt mir grad ein: Ich habe ganz vergessen zu erzählen, dass wir am dritten Tag des Festivals abends einen Abschlussfilm gezeigt haben, und zwar ‚Deep Blue‘ – eine Dokumentation über den Ozean und die darin lebenden Tiere. Faszinierende Bilder! Aber ein seltsames Gefühl beim Schauen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kinder hier teilweise keine 40-50km vom Mittelmeer entfernt leben, es aber noch nie gesehen haben, da nur die wenigsten nach Israel einreisen dürfen…

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