Die letzten Tage waren intensiv! Am Donnerstag war der letzte Tag von Ramadan, dem islamischen Fastenmonat, und die Tage davor waren echt verrückt. Da die Menschen tagsüber nichts, aber auch fast rein gar nichts tun (außer vielleicht schlafen oder Fernsehen schauen), verläuft das ganze Leben während Ramadan eigentlich des Nachts ab – Einkaufen, sich Treffen, Kaffee und Tee trinken, plaudern etc. all das verschiebt sich auf die Abend- und Nachtstunden. Der Höhepunkt dieser Nachtaktivitäten sind die Tage kurz vor Ende vom Ramadan, woran sich dann nämlich Al-Eid – ein Fest, ähnlich wichtig wie für uns z.B. Weihnachten – anschließt.
Die Tage vor Eid werden Geschenke gekauft, sich die Haare geschnitten, neue Klamotten besorgt und überhaupt alles Mögliche geplant – denn während Eid gehört es sich, sämtliche Verwandten zu besuchen und das muss natürlich koordiniert werden. Die Straßen von Jenin sind insbesondere während der drei-vier Tage vor Eid brechend voll gewesen – man konnte sich kaum drauf entlang bewegen, ganz zu schweigen von den Autos, die fast vergeblich versucht haben, darauf zu fahren. Ich bin die Tage mit einigen Freunden – insbesondere Amjad, von dem ich ja schon erzählt hatte, und Tariq, der Sohn von Allam – durch die Stadt gezogen. Das machen die Jugendlichen hier nämlich vor Eid ganz besonders gerne – einfach von Geschäft zu Geschäft ziehen, gucken was man gerne kaufen würde (auch wenn man sich nur einen kleinen Teil davon leisten kann) und dutzende Freunde in den verschiedensten Läden besuchen.
Ein paar Tage vor Eid bin ich mit Mahmoud – einem Voluntär von hier – in sein Dorf Mirki, ein paar Kilometer außerhalb Jenins, gefahren, da er mich zum Iftar, dem Fastenbrechen nach einem langen Tag ohne Speis oder Trank, eingeladen hat. Iftar bedeutet übersetzt eigentlich Frühstück – hört sich komisch an, ist es aber eigentlich nicht: Denn das Abendessen ist ja in der Tat das erste Essen an dem Tag. Die meisten Menschen hier gehen sehr spät ins Bett – in den frühen Morgenstunden – und essen vor dem Schlafengehen noch etwas. Dann steht man erst Mittags oder Nachmittags auf, so dass das eigentliche Fasten auf nur ein paar wenige Stunden verkürzt wird. Beim Iftar bei Mahmoud gab es wieder typisch palästinensisches bzw. nahöstliches Essen: d.h. gewürzter Reis mit Fleisch, Kibbeh (Hackfleischbällchen mit Pinienkernen gefüllt), verschiedene Suppen und natürlich das arabische Brot. Ich bin nach dem Essen in Mirki geblieben und habe die Nacht dort verbracht. Der Abend war sehr interessant, denn ich habe einen Großteil der Familie – und damit auch einen Teil der familiären Problemchen kennengelernt: Mahmouds Familie wohnt in Mirki mit seinen fünf Brüdern und drei Schwestern, das aber eigentlich nur zu Ramadan, um Verwandte zu besuchen und so. Eigentlich wohnen alle in Ramallah, wo Mahmouds Vater in einer Bank arbeitet und wo sie, wie Mahmoud sagt, in einem viel schöneren Haus leben. Ich fand das Haus in Mirki sehr nett – recht rustikal und einfach eingerichtet, aber dafür mit Garten und vielen Tieren (Hühnern, Schafen, Hasen, Esel…). Im selben Haus in einem Hinterzimmer wohnt Mahmouds Oma väterlicherseits, die ihn, wann immer sie sieht, fragt, warum er nicht schon verheiratet ist und ihr mehr Enkelkinder ‚geschenkt‘ hat. Bei einem Spaziergang durch die Stadt haben wir dann verschiedene weitere Verwandte – Onkel, Tanten, Cousins… - passiert, darunter einen Onkel, mit dem Mahmoud vor einiger Zeit einen Riesenstreit hatte: Der Onkel ist Sheikh (oder so) in einer Moschee in Mirki und ihm passt es scheinbar gar nicht, dass Mahmoud kein sonderlich religiöses Leben führt…
Hier ist links das Haus von Mahmoud zu sehen:
Am Tag danach bin ich – nach einem kurzen Abstecher nach Jenin – wieder nach Mirki gefahren, aber diesmal mit drei weiteren Deutschen (Marleen, Johanna und Robert) und einer Amerikanerin (Mara), auch alles Voluntäre hier bei Cinema Jenin. Während die Frauen zusammen mit Mahmouds Mutter und Schwestern kurz nach der Ankunft in der Küche verschwunden waren, sind Robert, Mahmoud und ich durch die Stadt und auf einen Olivenhügel gelaufen, der fast gänzlich seinem Vater gehört. Überhaupt hat man von dort einen schönen Blick auf Mirki und die Landschaft drum herum gehabt.
Mahmoud zeigt Robert und mir bis wohin die Felder seines Vaters reichen:
Eine original palästinensische Vogelscheuche:
Besonders fasziniert bin ich von den unzähligen Olivenbaumfelder in Palästina. Viele von diesen sind steinalt...wie man bspw. auf diesem Foto sieht, denn so langsam wie Olivenbäume wachsen, muss der hier mindestens hundert Jahre alt sein:
Olivenbäume vor der Stadt Mirki:
Mahmouds Bruder Mahmoud und die Mädels begrüßen uns vom Dach:
Nach unserem Ausflug gab es dann erneut ein sehr leckeres Essen - hier ein Foto:
Die letzten Tage habe ich nun damit verbracht, mir von Franz – einem netten Kerl, unserem deutschen Projektionisten – zeigen zu lassen, wie man den 35mm-Projektor und den digitalen Projektor im Kino und draußen im Projektionshäuschen im Garten bedient. Franz fährt nämlich morgen für einen Monat nach Deutschland und in der Zwischenzeit übernehme ich dann quasi seine Position – zusammen mit Clara, die die ganzen Dinge auch lernt, so dass wir uns damit abwechseln können. Allerdings werden wir das nicht alles machen, sondern vielmehr dafür da sein, zwei Palästinenser, Imad und Hussein, zu unterstützen beim Filmeinlegen usw. Die beiden haben bereits vor einigen Jahrzehnten im ‚alten‘ Kino als Projektionisten gearbeitet – Imad ca. 15 Jahr und bei Hussein weiß ich es nicht genau. Das Kino ist in den 1960ern gebaut worden, hat sich dann zu einem der größten, beliebtesten Kinos des Westjordanlandes entwickelt und musste aber mit dem Ausbruch der ersten Intifada seine Türen schließen – das war 1987.
Mir fällt gerade ein, dass ich ja ganz und gar nichts von meinem Ausflug nach Jerusalem vor ein paar Wochen geschrieben habe. Das ist schon einen Monat her…meine Güte… Naja gut, aber ein paar Zeilen kann ich ja schreiben :-) Also, ich bin zusammen mit Marco, Clara und Julia nach der Eröffnung des Kinos für vier Tage in Jerusalem gewesen, wo wir die ganz normale Touristentour gemacht haben. Also sprich: In der Altstadt in einem Hostel geschlafen und dann den Tempelberg, die Klagemauer, die gesamte Altstadt etc. angeschaut.
Eine Einkaufsgasse in der Altstadt Jerusalems:
Panorama von drei der berühmtesten Orte in Jerusalem: links der Felsendom, darunter rechts die Klagemauer und oben rechts die Al-Aqsa-Moschee (bitte aufs Bild klicken, um eine größere Version zu sehen):
Und hier ein paar Close-Ups von dem Felsendom - ein wunderschöner Bau:
Das ist schon sehr verblüffend, wie dort auf engstem Raum, einige der heiligsten Stätten von Christentum, Islam und Judentum zusammenstehen – und auch, wie orthodoxe Juden, gläubige Muslime auf dem Weg zur Moschee und Christen auf dem ‚Kreuzigungspfad‘ Jesu mit einem Holzkreuz durch die Gassen laufen. Auch als nicht äußerst religiöser Mensch, ist es schon sehr ergreifend…auch wenn ich sagen muss, dass bspw. der Felsendom wesentlich faszinierender aussieht als die Klagemauer, die halt nur aus dicken, wenn auch alten Steinen besteht.
Hier ein Panoramablick von oben auf die Altstadt - rechts am Rand ist die Kirche zu sehen, in welcher sich die Grabeskirche befindet:
Hier einige Fotos vom Inneren der Kirche - zunächst die besagte Grabeskirche, also der Ort, wo Jesus zur Grabe getragen wurde und von wo er aufgestanden ist:
Die letzte Nacht haben wir bei Neta verbracht – eine Freundin von mir, die ich in Neuseeland kennengelernt habe, und zwar während wir dabei waren von einem Vulkan im Tongariro Nationalpark herunterzusteigen. Sie studiert in Jerusalem und wohnt dort in einer netten, geräumigen WG. Wir haben den Abend schön zusammen gekocht und sind danach bei einer Freundin von ihr gewesen, die eine große Dachterrasse hat. In Jerusalem ist er übrigens merklich kälter gewesen als in Jenin, vor allem nachts, denn wogegen abends in Jenin eine schwüle Hitze herrscht, windet es in Jerusalem ordentlich und dazu noch recht kühl, da die Stadt auf 800m oder so liegt. Dabei fällt mir noch eine Sache ein – bei der Fahrt von Jenin nach Jerusalem mussten vor nach Ramallah durch einen großen Checkpoint. Dort müssen alle Palästinenser aussteigen und durch eine Passkontrolle – wir sind mit durchgegangen, obwohl wir als Europäer auch hätten im Bus sitzen bleiben können. Direkt am Checkpoint sieht man auch die ‚Mauer‘, welche von Israel in den letzten Jahren errichtet wurde. Kurz vor dem Übergang steht darauf in großen Graffiti-Buchstaben geschrieben: „One wall, two jails.“ (Eine Mauer, zwei Gefängnisse) Wie passend…auch wenn, wie ich sagen muss, Palästina mehr Gefängnis ist als Israel – die Bewegungs- und Lebensfreiheit der Menschen hier ist durch zahlreiche Beschränkungen extrem limitiert - ganz zu schweigen von den Problem, Visa für westliche Staaten zu erhalten…
So, jetzt haben wir gleich noch ein Gruppentreffen im Garten. Leider sehr spät, aber es ging nicht anders einzurichten, da wir momentan sechs Filme am Tag zeigen – es ist Eid und die Menschen haben Zeit. Ich habe dabei eifrig mit eingelegt – sowohl DVD als auch echten 35mm-Film. Ein tolles Gefühl, nach dem Einlegen das Licht im Saal auszuschalten, den Kippschalter umzulegen und dem Knattern des Projektors zuzuhören, während auf der Leinwand der Film anläuft!
Salam,
Daniel
P.S.: Vor zwei Tagen ist Abends einer unser palästinensischen Voluntäre ins Büro gekommen, hielt eine kleine israelische Flagge in der Hand und fragt nach einem Feuerzeug. Ich hatte keins – bin ja Nichtraucher – habe ihm aber gebeten, er möge sie bitte nicht hier verbrennen, das würde zu sehr stinken…
P.P.S.: Ein weiteres Panorama vom Felsendom, im Hintergrund der Ölberg und rechts die Al-Aqsa-Moschee: