Samstag, 4. September 2010

Alltag, Ausflug und palästinensische Folklore

Schon wieder ist es eine Woche her, dass ich geschrieben habe. Dabei wollte ich mich ja darum bemühen, endlich wieder regelmäßiger zu schreiben. Die Tage vergehen hier einfach viel zu schnell wie im Fluge – es gibt immer Diskussionen, Gespräche mit den Teamleuten, dann natürlich die Arbeit am Computer, zwischendurch kleine Pausen, abends schließlich Programm im Garten hinter dem Kino. Zurzeit zeigen wir eine beliebte Ramadan Serie mit dem Namen Bab al-Hara, die in Syrien während der französisschen Mandatszeit (also Anfang 20. Jahrhundert) spielt, mittlerweile in der fünften Staffel läuft und von den Menschen hier geliebt wird. Ich setze mich abends dann meistens in den Garten zu Allam’s Cafeteria, bestelle etwas zu Essen (besonders gut ist das gegrillte Hühnchenfleisch!) und unterhalte mich mit ihm und den anderen Volunteers.

Ganz zu Anfang eine mittlerweile schon etwas ältere Neuigkeit, die ich hier aber noch gar nicht geschrieben habe: Und zwar habe ich meinen Aufenthalt hier verlängert und fliege nun statt am 26.9 erst am 15. Oktober wieder nach Deutschland. Es hat sich hier ergeben, dass es ganz schön wäre, wenn ich länger bleibe – zumal mir meine Arbeit hier ja auch sehr viel Spaß macht und es nach wie vor viel zu tun gibt. Momentan arbeite ich an der Aktualisierung der Info-Broschüre von Cinema Jenin. Die wird nämlich dringend in Deutschland benötigt, wo Marcus und andere intensiv dabei sind nach neuen Sponsoren zu suchen. Darüber hinaus bemühe ich mich darum, dass über Cinema Jenin in verschiedenen Magazinen und Online-Portalen berichtet wird: z.B. werden wir in das Magazin ‚This Week in Palestine‘ aufgenommen, welches hier in der Region, unter NGOs, bei Expatriates (also Palästinensern außerhalb Palästinas) beliebt ist. Dafür werde ich morgen/übermorgen einen Artikel über uns schreiben. Zudem haben wir Kontakt zu Democracy Now! Aufgenommen – einem sehr bekannten Online-News-Portal aus den USA und zu verschiedenen anderen Publikationen.

Was die Planungsvorgänge im Kino angeht steht momentan das Fest nach Ramadan – Eid ab dem 9. oder 10. September – im Mittelpunkt der Anstrengungen. Das sind drei Tage, während denen die gesamte Stadt, ja die gesamte Region hier am Feiern ist und ganz Jenin voll sein wird von Menschen auch aus den Dörfern außerhalb. Eine ganz große Chance also für unser Kino! Wir planen ein breites Filmprogamm innerhalb des Kinos und ein Konzert- und Veranstaltungsprogramm draußen im Garten. Dieses werden wir in ein paar Tagen groß mit Plakaten, Flyern etc. bewerben. Dazu schreibe ich dann mehr, wenn es soweit ist!

Was ist die letzten Tage sonst so passiert…? Ende letzter Woche ist eine kleine Delegation aus Bielefeld bei uns im Kino gewesen und hat sich von Ma’moun (einem palästinensischen Volunteer, der seit Anfang an im Team ist und jetzt für Programmplanung zuständig ist) und mir eine Führung geben lassen. Danach gab es eine Stadtführung durch Jenin. Die Delegation möchte in Bielefeld für eine Städtepartnerschaft mit einer palästinensischen Stadt werden. Momentan ist neben Jenin noch Jericho ‚im Rennen‘, aber da die Leute sehr begeistert gewesen sind von dem Kinoprojekt und der Stadt insgesamt, denke ich, dass Jenin gute Chancen hat!

Gestern bin ich nach dem Mittagessen mit Mara – einer amerikanischen Voluntärin – ein wenig durch die Stadt gelaufen, wobei wir bis ins Flüchtlingslager von Jenin gewandert sind. Dieses geht, wie ich ja schonmal erzählt hatte, direkt in die Stadt über – es gibt keinen besonderen ‚Eingang‘ und man merkt eigentlich nur an den engeren Straßen, dass man im Camp ist. Dort waren wir nur kurz – ich habe Mara gezeigt wo das Freedom Theatre ist und dann sind wir auch schon wieder zurück gegangen. Auf dem Weg sind uns einige Kinder entgegen gelaufen, die laut ‚Schalom‘ gerufen haben – also quasi das hebräische ‚Moin‘. Wir habe mit „Arabi, arabi“ geantwortet worauf sie dann gefragt haben „Aah, btehki arabi, ok“ (Oh, du sprichst arabisch, ok). Warum machen die Kinder das? Sie wollen damit im Grunde testen, ob wir Hebräisch sprechen und Israelis sind. Nicht, dass sich solche hier überhaupt noch aufhalten würden (abgesehen von Soldaten ab und an bei nachts natürlich)…aber gerade im Camp haben es sich die Kinder scheinbar angewöhnt, bei Ausländern erst einmal zu checken, ob sie Hebräisch sprechen.
Interessant ist, dass viele der erwachsenen Palästinenser hier entweder Hebräisch sprechen oder es Lernen, z.B. damit sie sich – falls notwendig – mit den Soldaten verständigen können. Amjad hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass er nicht nur sein Englisch verbessern, sondern eben auch Ivrit (Hebräisch) lernen möchte. Warum? „Es ist die Sprache des Feindes und wir müssen in der Lage sein zu verstehen, was er über uns schreibt.“

Vorgestern bin ich mit Philipp, Anne und Clara zu Besuch gewesen bei Orwa, auch ein Volunteer, der in einem Dorf namens Maithalun ca. 15 km außerhalb von Jenin wohnt. Was wir nicht wussten: Orwa wollte uns unbedingt auf den höchsten ‚Berg‘ (also Hügel) um Jenin führen und uns von da aus den Sonnenuntergang zeigen. An sich eine sehr schöne Idee – in der Ausführung für uns dann aber recht beschwerlich, da wir alle nur Flip-Flops anhatten. Aber gut, wir haben uns bemüht und ‚schway schway‘ (arabisch für ‚langsam, langsam‘) ging es dann den Hügel hoch.

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Anne und Clara:
Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Beim Aufstieg hatte man eine wunderschöne Sicht auf das Tal und Orwas Dorf (wie bei allen Panoramas - einfach auf das Bild klicken, dann gibt's eine größere Version!):
Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Oben angekommen haben wir schließlich einen wirklich atemberaubenden Sonnenuntergang gesehen!

Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Der Weg nach unten war dann nochmal um einiges abenteuerlicher – etwas rutschig, immer dunkler werdend und in Flip-Flops. Keine sonderlich schlaue Kombination, aber wir sind heil unten angekommen :-) Danach gab es bei dem Cousin von Orwa Abendessen, und zwar etwas traditionell Palästinensisches: Hühnchen auf gewürztem Reis, zu dem eine Joghurtsuppe gereicht wird, die man mit dem Reis vermischt. Sehr lecker!

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Ach ja, eine weitere Sache gibt’s noch zu erzählen, bevor ich für heute aufhöre zu schreiben: Am letzten Wochenende hatten wir ein großes Konzert bei uns im Garten von palästinensischen Tanz- und Gesangsgruppen aus Ramallah, die jährlich in Jenin auftreten – und sich dieses Mal für unseren Garten als Veranstaltungsort entschieden haben!

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Der Garten war voll!
Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Die Gruppen haben traditionelle palästinensische Folklore aufgeführt und wurden bei ihrem Tanz von Live-Gesang und einem Oud-Spieler begleitet. Letzteres ist eine typisch arabische Art der ‚Gitarre‘, die z.B. auch von dem Trio Joubran gespielt wird, welches ja bei der Eröffnung hier war.

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Neben den Gesang gab es auch eine theatralische Aufführung, wobei symbolisch das Erleben von Bombardierung, Steine werfen, Gefechten und vor allem auch der Tod eines Menschen und eine Totenprozession aufgeführt wurden.

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Das hat mich nach dem ganzen Tanz und Gesang recht nachdenklich gestimmt, denn solche schauspielerischen Darbietungen führen einem ganz deutlich vor Augen, wie tief die Erfahrung von Unterdrückung, Krieg, Leid und Tod in der palästinensischen Psyche verankert sind.

Aber nun gut, das soll für heute genügen. Salam!

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