Es ist schon kurz nach Mitternacht – aber ein kleines Update möchte ich doch schreiben, da der letzte Eintrag ja nun schon einige Tage her ist. Die Zeit vergeht hier in rasendem Tempo. Ich bin jetzt als Pressesprecher die meiste Zeit mit Arbeiten am Computer beschäftigt – das ist zurzeit z.B. die Erstellung einer zentralen Tabelle mit allen Journalisten, die uns angeschrieben und/oder über uns geschrieben haben, die Aktualisierung des Cinema Jenin Flyers und der Website, überhaupt das Antworten auf Presseanfragen, wovon momentan aber nicht so viele kommen. Außerdem sind in naher Zukunft weitere Aktionen zum Fundraising geplant – so hat vor kurzem Iris Berben eine ‚Stuhlpatenschaft‘ übernommen. Das heißt sie hat für einen der Stühle im Kino gespendet, was nun mit einer Namensplakette bedacht wird. Da es noch viel mehr Stühle gibt, die Paten suchen, wollen wir dafür mehr Werbung machen – auf der Website, aber soweit möglich auch z.B. in Kinos in Deutschland.
Natürlich besteht der Tag hier nicht nur aus Arbeit. Morgens wird gemütlich gefrühstückt und arabischer Kaffee getrunken. Mittags macht Ayman für uns Voluntäre ein leckeres Essen und danach nochmal arabischen Kaffee. Und abends essen wir dann entweder Reste vom Mittag oder wir gehen zu Allam’s Cafeteria im Kinogarten. Da habe ich heute leckeres gebratenes Hühnchenfleisch mit Salat und arabischem Brot gegessen. Oder man wird zum Iftar eingeladen – dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang zuzeiten von Ramadan.
Ich war nun schon dreimal bei unterschiedlichen Familien. Gestern Abend z. B. waren zwei Freundinnen und ich bei der Familie von Abir und Rahub eingeladen. Die beiden sind finanziell ein bisschen besser gestellt und haben ein schönes, kleines Häuschen hier in Jenin. Das Abendessen fängt ca. um 18:30 Uhr an, nachdem der Muezzin gegen Ende seines Gesangs ‚Allahu akbar‘ (Gott ist groß) gesunden hat. Wir hatten das palästinensische Nationalgericht, dessen arabischen Namen ich vergessen habe. In der Übersetzung bedeutet es aber ‚upside down‘ (also in etwa: auf den Kopf gestellt). Es ist Gewürzter Reis, mit kleinen gebratenen Nudeln, Nüssen und Hühnchenfleisch. Dazu gab es Kubbeh – kiwigroße Hackfleischbällchen die mit Nüssen und unglaublich leckeren Gewürzen gefüllt sind. Als Nachtisch gab es dann so kleine, mit Walnüssen gefüllte Pfannkuchen, die – ich glaube – frittiert und in Honig getränkt waren. Das alles hat Abir nicht etwa gekauft, sondern alles selbst gemacht – denn, wie sie uns erzählt hat, isst sie die ganzen Sachen einfach viel lieber, wenn sie hausgemacht sind. Beim Kochen werden auch die drei Kinder der beiden – zwei Jungs: Obada (8) und Sef (5) und ein Mädchen: Amila (10) – voll eingebunden. Und nicht nur dabei: Denn kaum waren wir fertig mit Essen, sind die Kinder aufgestanden und haben zuerst ihren eigenen, kleinen Kindertisch auf- und weggeräumt und danach dann mit uns den ‚großen‘ Tisch aufgeräumt. Das war wirklich faszinierend anzuschauen, wie gut erzogen und bescheiden die drei Kleinen sind. Obada hat mir nach einiger Zeit erzählt, dass er sehr gerne Englisch spricht und mit dann zuerst die Namen ihrer drei Katzen beigebracht (Hob – Liebe, Silverstar und den dritten habe ich vergessen) und dann die von ihm gepflegten Pflanzen im Garten gezeigt. Zwei der Katzen hatte ich übrigens bestimmt eine Stunde auf dem Schoß :-) Später hat Abir uns erzählt, dass Obada in der Schule fast jeden Tag ans schulinterne Mikrofon geholt wird, um – ich glaube in der Pause – etwas zu singen. Das hat er uns dann auch mit einem kleinen Lied vorgeführt – sehr niedlich!!
Der Text des Songs hat mich dann aber doch etwas nachdenklich gestimmt. Es ist ein Lied über ‚unser Land Palästina‘ und wie schön und frei das Land in der Vergangenheit gewesen ist. Eine Zeile hatte es vor allem in sich: darin ging es darum wie die Märtyrer, die im Kampf (gegen Israel) gefallen sind, ihr Blut für ihr Land gegeben haben, damit es irgendwann wieder so wird wie in der Vergangenheit. Mit dieser Verbindung zur Vergangenheit ihrer (Ur-)Großväter und einer starken Bindung an ihr Land und dem Wunsch nach Freiheit wachsen die Kinder hier von klein an auf… Abir hat uns auch einige kurze Geschichten von dem Leben während der Intifada erzählt, als sie beide nicht arbeiten konnten, oft Ausgangssperren von Israel verhangen wurden und die Menschen zusehen mussten, wie sie Geld für Nahrung etc. verdienen. Abir und Rahub haben u.a. durch das Züchten von Küken Geld verdient.
So, es ist gleich Eins und ich werde mich auf den Weg ins Guesthouse und ins Bett machen. Ich werde in zwei/drei Tagen mehr schreiben und demnächst auch wieder mehr mit Fotos berichten. Die Fotos von Jerusalem muss ich auch noch hochladen – fertig sind sie schon.
Alles Gute aus Jenin!
Daniel
P.S.: Eine Sache fällt mir grad ein: Ich habe ganz vergessen zu erzählen, dass wir am dritten Tag des Festivals abends einen Abschlussfilm gezeigt haben, und zwar ‚Deep Blue‘ – eine Dokumentation über den Ozean und die darin lebenden Tiere. Faszinierende Bilder! Aber ein seltsames Gefühl beim Schauen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kinder hier teilweise keine 40-50km vom Mittelmeer entfernt leben, es aber noch nie gesehen haben, da nur die wenigsten nach Israel einreisen dürfen…
Freitag, 27. August 2010
Freitag, 20. August 2010
6. und 7. August: Bewegende Filme und Diskussionen
Das Kino hat nun schon fast seit zwei Wochen seinen regulären Betrieb aufgenommen und es läuft im Grunde jeden Tag ein wenig besser. Seit einer Woche haben wir einen ägyptischen Film namens Elemby 8 Giga im Programm, welcher – nach deutschen Maßstäben – sehr schräg und übertrieben emotional geschauspielert ist, aber welcher hier lokal sehr gut ankommt. Einige Male hatten wir schon volles Haus innen im Kinosaal. Hinzu kommen regelmäßige Konzerte auf der Open-Air-Bühne. Gestern ist ein lokaler Zauberkünstler dagewesen, der fast zwei Stunden Programm gemacht hat. Der Garten war voll von Besuchern – vor allem Familien sind gekommen und die Kinder sind ganz begeistert gewesen von der Aufführung. Der Herr kommt insgesamt noch zweimal zu uns.
Ansonsten ist es recht ruhig geworden hier im Gästehaus und ums Kino herum. Heute Mittag sind Marcus und Familie zurück nach Deutschland abgereist. Marcus kümmert sich die nächsten Monate zusammen mit dem Kameramann Alex um die Sichtung des Filmmaterials zu dem Dokumentarfilm ‚Projekt Cinema Jenin‘, welcher im nächsten Jahr im April (oder Juli) Premiere feiern soll, und zwar bei dem ersten Jenin International Film Festival. Das wird für die beiden keine leichte Aufgabe, denn soweit ich weiß, sind in den zwei Jahren Bauphase über 800 Stunden Filmmaterial zusammengekommen. Jedenfalls sind wir alle SEHR gespannt auf das Resultat. Wenn ich Zeit habe, werde ich auf jeden Fall wieder hierher reisen zu dem Festival.
Soviel zu den aktuellen Entwicklungen. Jetzt geht es weiter mit der Beschreibung des Festivals. Ich habe ja noch immer nicht über den zweiten und dritten Tag berichtet. Nach dem großen Eröffnungstag ist die Luft merklich ein wenig weg gewesen. Wir waren alle müde – wohl auch, weil wir am selben Abend noch im Guesthouse gefeiert haben bis in die Nacht hinein. Bei etwas lauterer Musik, die nach einem Besuch der Polizei vor der Tür etwas leiser gemacht werden musste.
Am zweiten Tag des Festivals (dem 6.8.) war das Programm etwas ruhiger als am Tag zuvor. Drinnen wurden drei Filme gezeigt und draußen war tagsüber Programm für Kinder und abends waren zwei Tanzgruppen auf der Bühne. Aber der Reihe nach:
Am Vormittag gab es zunächst eine kleine, informelle Gesprächrunde zwischen Journalisten und Marcus (Vetter) und Fakhri (Hamad) - Co-Manager des Cinemas neben Marcus - hier ein Foto:
Als erster Film lief am Nachmittag ‚To Shoot an Elephant‘ – eine Dokumentation über die Gazaoffensive Israels Ende 2008, infolge derer große Teile des Gazastreifens zerstört wurden. Damals war ein internationales Filmteam zufällig vor Ort, als der Krieg begann.
- Auf dem Plakat steht in Englisch: "Wieviele von uns müssen sterben, damit ihr reagiert?" -
Auf verdeckten Fahrten in Krankenwagen und bei Freunden versteckt haben sie so viel gefilmt, wie sie konnten – vor allem mit Fokus auf die Auswirkungen auf den ‚Alltag‘ im Gazastreifen und die Zivilbevölkerung. Der Film war durch die bruchstückhafte Berichterstattung – dadurch bedingt, dass eben nicht planbar war, was gefilmt werden konnte – und das Ausmaß an Zerstörung und Tod, was man sehen konnte, sehr beklemmend. Er endet mit einer Szene, die den ganzen Konflikt nur noch pervers erscheinen lässt: Das Filmteam steht vor einer großen, lichterloh brennenden Lagerhalle, in welcher die einzigen von der UN gelieferten Medikamente und medizinisches Equipment gelagert und auf dem Dach der Halle auch als solche gekennzeichnet waren.
Als zweiter Film lief Captain Abu Raed, die Geschichte von einem in die Jahre gekommenen Putzmann an einem Flughafen, welcher immer mit einer Kapitänsmütze durch Amman (Jordanien) läuft und irgendwann von Kindern angesprochen wird, ob er ein wirklicher Kapitän sei. Nach einigem Zögern nimmt er die Rolle an und erzählt den Kindern von aufregenden (erfunden) Reisen durch die Welt. Der Film zeigt wunderschöne Bilder aus Amman, ist aber – was die Geschichte angeht – etwas überladen. Neben den Erzählungen werden u.a. auch die Situation der Frauen und insbesondere Alkoholismus und häusliche Gewalt thematisiert. Der alte Herr nimmt sich einer Familie an und sorgt am Ende dafür, dass die Frau und Kinder von dem gewalttätigen Ehemann fliehen können. Somit fängt der Film durchaus als Kinderfilm an, endet jedoch irgendwo zwischen Sozialdrama und Gesellschaftsstudie.
Der Nachmittag des zweiten Tages war ganz den Kindern Jenins gewidmet. Zunächst wurden die Kinder geschminkt und darauffolgend hat eine – zugegeben sehr schräge – Unterhaltungstruppe mit lauter Musik für ordentliche Stimmung gesorgt. Recht durchgedreht, aber den Kiddies hat es sichtlich gefallen!
Versorgt wurde man und werden wir nach wie vor übrigens von Allam's Cafeteria - jupp, genau der Allam, bei dem wir vorher im Vorgarten die Mosaiktische fertig gemacht haben:
Am Abend waren schließlich Tänzer auf der Außenbühne, die traditionelle palästinensische Tänze aufgeführt haben. Das hatte ich ja nun schon einige Male gesehen, aber interessant war es trotzdem. Aufregender war jedoch, dass in etwa nach der Hälfte des Auftrittes der Strom in Jenin ausgefallen ist – und zwar nachdem mit einem ordentlichen Knall der Stromgenerator auf der Kreuzung vor dem Kino in die Luft gegangen war.
Somit saßen alle Gäste ca. 10 Minuten komplett im Schwarzen, bis der kinoeigene Generator angeschlossen war und somit zumindest die Soundanlage und ein Scheinwerfer wieder zum Laufen gebracht werden konnten. Den Gästen hat der Stromausfall jedenfalls keinerlei Sorgen gemacht – alle sind gemütlich sitzen geblieben und haben sich weiter unterhalten als wäre nix passiert. In Deutschland hätte eine ähnliche Situation sicherlich anders ausgesehen…
Auch der dritte Tag war recht ruhig. Tagsüber wurde zunächst die in den kommenden Monaten aufzubauende Jenin Film School vorgestellt. Diese wird als Kooperation zwischen dem Cinema Jenin und dem Freedom Theatre (von dem ich, glaube ich, schonmal kurz berichtet hatte) aufgebaut. Sie soll ganz aktuell dabei helfen, lokal Menschen auszubilden, die bei der Herstellung z.B. von Werbefilmen und später auch längeren Spiel- oder Dokumentarfilmen helfen können. Bis es soweit ist, wird es aber sicherlich noch eine Weile dauern.
Im Anschluss an die Vorstellung der Filmschule folgten zwei weitere Dokumentarfilme über Jenin. Als erstes der Film ‚Jenin, Jenin‘ von Mohammad Bakri, welcher über das ‚Battle of Jenin‘ von 2002 berichtet und wie die Menschen hier vor Ort mit der Besatzung und der konstanten Bedrohung leben. In Israel hat der Film für einige Furore gesorgt – er ist offiziell verboten worden, wurde dann aber doch in einem Kino gezeigt, woraufhin der Kinobetreiber verurteilt wurde. Dem Regisseur Bakri wurde u.a. vorgeworfen, dass er den Menschen vor der Kamera ganz bewusst gesagt hätte, was sie sagen sollen. Wenn man sich den Film angeschaut hat wird einem schnell klar, dass dem nicht so ist – ansonsten wären alle Menschen in dem Film verdammt gute Schauspieler. In dem Film erzählt u.a. ein junges Mädchen mit ernstem Blick, dass die Israelis Jenin so oft zerstören könnten, wie sie wollten, die Menschen hier seien stark und Häuser kann man immer wieder aufbauen. An anderer Stelle erzählt ein alter Mann unter Tränen, wie er auf der Straße von Israelis angehalten wurde und sich ausziehen sollte. Als er sich weigerte, schoss ihm der Soldat erst in die Hand und dann in den Fuß. Der Film ist bewegend, aber leider fehlt mir dabei – zumindest bspw. als kurze Texteinblendung am Anfang – ein Kontext für den Angriff der Israelis. Und zwar ist aus Jenin eine Reihe von Selbstmordattentätern gekommen, die sich in Israel in die Luft gesprengt haben. So schrecklich und falsch dies ist, rechtfertigt es in meinen Augen nicht das Ausmaß, mit dem die lokale, ganz normale Bevölkerung bestraft wurde…
Im Anschluss an den Film stand der Regisseur Bakri für eine Diskussionsrunde bereit und hat von seinen Intentionen, den Film zu machen, und seinen Erfahrungen in Jenin und in Israel berichtet. Er hat sich kurz nach Ende der israelischen Offensive in Jenin in das Gebiet mit Kamera hineingeschmuggelt, um direkt mit den Menschen sprechen und deren Erfahrungen der Außenwelt zugänglich machen zu können. Von israelischer Seite war jede Einreise in das Gebiet verboten worden. Hier sitzt er rechts - links neben ihm sitzt Fakhri:
Am eindrucksvollsten habe ich folgende Aussage von Bakri empfunden: „We don’t want peace, we want freedom.“ Wir wollen keinen Frieden, wir wollen Freiheit. Damit ist viel ausgedrückt…denn Frieden in der jetzigen Situation, in der sich Palästina (das Westjordanland und Gaza) befindet, wäre blanker Hohn. Dutzende Siedlungen, ein Straßennetz nur für Siedler/Israelis, welches das Westjordanland vielfach zerteilt und eine riesige Grenzmauer, gegen die die ehemalige ‚deutsche Mauer‘ wie ein Mäuerchen erscheint, schränken die Bewegungs- und insgesamt die Lebensfreiheit der Palästinenser extrem ein.
Dass man als Leiter des Kinos und überhaupt einer der Hauptverantwortlichen des ganzen Projekts auch recht müde werden kann, hat Marcus am dritten Tag gezeigt - da lag er mit einem Mal unter einem Bäumchen im Garten und hat geschlafen:
Den zweiten Film des Tages ‚Arna’s Children‘ (Die Kinder von Arna) fand ich nochmal um einiges eindrucksvoller. Der Film berichtet über einen Zeitraum von 5-10 Jahren über die Geschichte eines Theaters, welches von der jüdischen Frau Arna und ihrem Sohn Juliano im Jeniner Flüchtlingslagers aufgebaut wurde. Anfangs skeptisch gegenüber den israelischen Personen, wurden Arna und Juliano schnell von den Kindern und ihren Eltern akzeptiert – weil sie zeigten, dass sie die Besatzung Palästinas ablehnen und sich vehement für einen freien Staat aussprechen.
Der Film zeigt, wie eine kleine Gruppe von Kindern ein Theaterstück einübt und aufführt und berichtet gleichzeitig über deren Lebenserfahrungen im Camp. Darüber hinaus springt der Film ca. fünf oder sechs Jahre weiter und berichtet, was aus den Kindern infolge der Zweiten Intifada (ab 2000) und vor allem der Zerstörung des Camps 2002 geworden ist. Das Theater musste geschlossen werden und Arna selbst ist infolge einer schweren Krebserkrankung gestorben – sie hat es sich aber nicht nehmen lassen, kurz vor ihrem Tod nochmals nach Jenin zu reisen, um von ihren Freunden dort Abschied zu nehmen.
Der Film zeigt die Auswirkungen des Krieges auf die Kinder und macht deutlich, wie ihre Entwicklung und ihre Kindheit dadurch, dass sie hier in Jenin und in diesem Umfeld leben, eingeschränkt und leider vielfach auch abrupt gestoppt wird. Drei oder vier der Kinder sind bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen. Ein anderer hat während der Kämpfe mehrere Familienmitglieder und Freunde verloren. Zudem hat er aus einem bombardierten Haus ein kleines Mädchen zu retten versucht, welches dann aber in seinen Armen verstarb. Wenige Tage nach diesem Erlebnis ist er mit einem weiteren Mann nach Tel Aviv gefahren und hat dort in einer Fußgängerpassage aus dem Auto heraus wahllos Menschen erschossen, bis er schließlich selbst von der Polizei erschossen wurde. Nun neigt man dazu, ihn als verrückten Selbstmordattentäter abzustempeln…aber ist es wirklich so einfach? Beide Vorfälle sind schrecklich…aber ich habe beim Schauen des Films festgestellt, dass man die Entwicklung dieses Mannes vielleicht nicht verstehen, aber zumindest doch teilweise nachvollziehen kann. Die traumatischen Erlebnisse haben dazu geführt, dass in ihm eine Sicherung durchgebrannt ist. Dies macht es nicht besser, was er getan hat, aber er ist eben auch nicht irgendein daher gelaufener, fundamentalistischer, verrückter Palästinenser gewesen, sondern jemand mit einer ganz eigenen persönlichen Geschichte und aus traumatischen für uns unvorstellbaren Umständen, infolge derer er schließlich in dieser schrecklichen Tat den einzigen Ausweg für sich selbst gesehen hat.
Heute existiert Arna’s Theater wiederaufgebaut an anderer Stelle als Freedom Theatre und wird von ihrem Sohn Juliano weitergeführt. Ich habe es leider noch nicht dorthin geschafft, werde aber morgen oder übermorgen mit einer Freundin von hier dorthin gehen und mir bei der Gelegenheit auch eine Kopie von ‚Arna’s Children‘ besorgen.
Nach Ende des Filmes ist eines der ‚Kinder‘ der ehemaligen Theatergruppe, Zacharia al-Zubaidi, für eine Diskussionsrunde dagewesen. Zacharia hat während der Zweiten Intifada in Jenin als Anführer der lokalen Al-Aqsa-Brigaden gegen Israel gekämpft. Dass er noch nicht gefangen genommen wurde hängt hauptsächlich damit zusammen, dass er vor einiger Zeit offiziell verkündet hat, dass er die Waffen niederlegen und sich stattdessen kulturell im Freedom Theatre engagieren würde. Hier sitzt er in der Mitte:
In der Diskussion ging dieser kulturell, friedliche Aspekt dann allerdings – aus verschiedenen Gründen – etwas unter, als Zacharia bereits nach der zweiten Frage verkündete, dass er immer (auch hier) eine Waffe tragen würde. Nicht etwa, um andere zu erschießen, sondern um sicher zu gehen, dass er – sollten Israelis versuchen, ihn gefangen zu nehmen – auf jeden Fall erschossen werden würde. Danach ging es dann ähnlich militant weiter…dass sich an der Situation in Jenin seit 2002 nichts geändert hätte, dass man bewaffneten und kulturellen Widerstand verbinden könne etc. Eine recht heftige Diskussion also, während derer ein Mann vom Goethe-Institut in Ramallah aufzeigte und anmerkte, dass dieses Kino kein Ort für Waffen, sondern ein Ort des Friedens und des gewaltlosen Dialogs sein sollte. Recht hat der Mann…aber vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen Zacharias, kann man seine militante Einstellung doch (leider) nachvollziehen.
Am Abend des dritten und letzten Festivaltages gab es schließlich ein weiteres Konzert mit traditioneller, palästinensischer Musik und im Anschluss daran gab es eine kurze Show der Voluntäre, in welcher wir alle ein gemeinsames Lied gesungen haben. Unser Auftritt wurde leider durch eine Reihe von Stromausfällen immer wieder unterbrochen, bis wir am Ende ohne Soundverstärkung und Licht einfach so lautstark weitergesungen haben. Ein passendes Ende für ein wunderbares, wenn auch leicht chaotisches Eröffnungsfest :-)
Ansonsten ist es recht ruhig geworden hier im Gästehaus und ums Kino herum. Heute Mittag sind Marcus und Familie zurück nach Deutschland abgereist. Marcus kümmert sich die nächsten Monate zusammen mit dem Kameramann Alex um die Sichtung des Filmmaterials zu dem Dokumentarfilm ‚Projekt Cinema Jenin‘, welcher im nächsten Jahr im April (oder Juli) Premiere feiern soll, und zwar bei dem ersten Jenin International Film Festival. Das wird für die beiden keine leichte Aufgabe, denn soweit ich weiß, sind in den zwei Jahren Bauphase über 800 Stunden Filmmaterial zusammengekommen. Jedenfalls sind wir alle SEHR gespannt auf das Resultat. Wenn ich Zeit habe, werde ich auf jeden Fall wieder hierher reisen zu dem Festival.
Soviel zu den aktuellen Entwicklungen. Jetzt geht es weiter mit der Beschreibung des Festivals. Ich habe ja noch immer nicht über den zweiten und dritten Tag berichtet. Nach dem großen Eröffnungstag ist die Luft merklich ein wenig weg gewesen. Wir waren alle müde – wohl auch, weil wir am selben Abend noch im Guesthouse gefeiert haben bis in die Nacht hinein. Bei etwas lauterer Musik, die nach einem Besuch der Polizei vor der Tür etwas leiser gemacht werden musste.
Am zweiten Tag des Festivals (dem 6.8.) war das Programm etwas ruhiger als am Tag zuvor. Drinnen wurden drei Filme gezeigt und draußen war tagsüber Programm für Kinder und abends waren zwei Tanzgruppen auf der Bühne. Aber der Reihe nach:
Am Vormittag gab es zunächst eine kleine, informelle Gesprächrunde zwischen Journalisten und Marcus (Vetter) und Fakhri (Hamad) - Co-Manager des Cinemas neben Marcus - hier ein Foto:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
Als erster Film lief am Nachmittag ‚To Shoot an Elephant‘ – eine Dokumentation über die Gazaoffensive Israels Ende 2008, infolge derer große Teile des Gazastreifens zerstört wurden. Damals war ein internationales Filmteam zufällig vor Ort, als der Krieg begann.
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| Von Daniel.Jenin |
- Auf dem Plakat steht in Englisch: "Wieviele von uns müssen sterben, damit ihr reagiert?" -
Auf verdeckten Fahrten in Krankenwagen und bei Freunden versteckt haben sie so viel gefilmt, wie sie konnten – vor allem mit Fokus auf die Auswirkungen auf den ‚Alltag‘ im Gazastreifen und die Zivilbevölkerung. Der Film war durch die bruchstückhafte Berichterstattung – dadurch bedingt, dass eben nicht planbar war, was gefilmt werden konnte – und das Ausmaß an Zerstörung und Tod, was man sehen konnte, sehr beklemmend. Er endet mit einer Szene, die den ganzen Konflikt nur noch pervers erscheinen lässt: Das Filmteam steht vor einer großen, lichterloh brennenden Lagerhalle, in welcher die einzigen von der UN gelieferten Medikamente und medizinisches Equipment gelagert und auf dem Dach der Halle auch als solche gekennzeichnet waren.
Als zweiter Film lief Captain Abu Raed, die Geschichte von einem in die Jahre gekommenen Putzmann an einem Flughafen, welcher immer mit einer Kapitänsmütze durch Amman (Jordanien) läuft und irgendwann von Kindern angesprochen wird, ob er ein wirklicher Kapitän sei. Nach einigem Zögern nimmt er die Rolle an und erzählt den Kindern von aufregenden (erfunden) Reisen durch die Welt. Der Film zeigt wunderschöne Bilder aus Amman, ist aber – was die Geschichte angeht – etwas überladen. Neben den Erzählungen werden u.a. auch die Situation der Frauen und insbesondere Alkoholismus und häusliche Gewalt thematisiert. Der alte Herr nimmt sich einer Familie an und sorgt am Ende dafür, dass die Frau und Kinder von dem gewalttätigen Ehemann fliehen können. Somit fängt der Film durchaus als Kinderfilm an, endet jedoch irgendwo zwischen Sozialdrama und Gesellschaftsstudie.
Der Nachmittag des zweiten Tages war ganz den Kindern Jenins gewidmet. Zunächst wurden die Kinder geschminkt und darauffolgend hat eine – zugegeben sehr schräge – Unterhaltungstruppe mit lauter Musik für ordentliche Stimmung gesorgt. Recht durchgedreht, aber den Kiddies hat es sichtlich gefallen!
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
Versorgt wurde man und werden wir nach wie vor übrigens von Allam's Cafeteria - jupp, genau der Allam, bei dem wir vorher im Vorgarten die Mosaiktische fertig gemacht haben:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
Am Abend waren schließlich Tänzer auf der Außenbühne, die traditionelle palästinensische Tänze aufgeführt haben. Das hatte ich ja nun schon einige Male gesehen, aber interessant war es trotzdem. Aufregender war jedoch, dass in etwa nach der Hälfte des Auftrittes der Strom in Jenin ausgefallen ist – und zwar nachdem mit einem ordentlichen Knall der Stromgenerator auf der Kreuzung vor dem Kino in die Luft gegangen war.
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6 |
Somit saßen alle Gäste ca. 10 Minuten komplett im Schwarzen, bis der kinoeigene Generator angeschlossen war und somit zumindest die Soundanlage und ein Scheinwerfer wieder zum Laufen gebracht werden konnten. Den Gästen hat der Stromausfall jedenfalls keinerlei Sorgen gemacht – alle sind gemütlich sitzen geblieben und haben sich weiter unterhalten als wäre nix passiert. In Deutschland hätte eine ähnliche Situation sicherlich anders ausgesehen…
Auch der dritte Tag war recht ruhig. Tagsüber wurde zunächst die in den kommenden Monaten aufzubauende Jenin Film School vorgestellt. Diese wird als Kooperation zwischen dem Cinema Jenin und dem Freedom Theatre (von dem ich, glaube ich, schonmal kurz berichtet hatte) aufgebaut. Sie soll ganz aktuell dabei helfen, lokal Menschen auszubilden, die bei der Herstellung z.B. von Werbefilmen und später auch längeren Spiel- oder Dokumentarfilmen helfen können. Bis es soweit ist, wird es aber sicherlich noch eine Weile dauern.
Im Anschluss an die Vorstellung der Filmschule folgten zwei weitere Dokumentarfilme über Jenin. Als erstes der Film ‚Jenin, Jenin‘ von Mohammad Bakri, welcher über das ‚Battle of Jenin‘ von 2002 berichtet und wie die Menschen hier vor Ort mit der Besatzung und der konstanten Bedrohung leben. In Israel hat der Film für einige Furore gesorgt – er ist offiziell verboten worden, wurde dann aber doch in einem Kino gezeigt, woraufhin der Kinobetreiber verurteilt wurde. Dem Regisseur Bakri wurde u.a. vorgeworfen, dass er den Menschen vor der Kamera ganz bewusst gesagt hätte, was sie sagen sollen. Wenn man sich den Film angeschaut hat wird einem schnell klar, dass dem nicht so ist – ansonsten wären alle Menschen in dem Film verdammt gute Schauspieler. In dem Film erzählt u.a. ein junges Mädchen mit ernstem Blick, dass die Israelis Jenin so oft zerstören könnten, wie sie wollten, die Menschen hier seien stark und Häuser kann man immer wieder aufbauen. An anderer Stelle erzählt ein alter Mann unter Tränen, wie er auf der Straße von Israelis angehalten wurde und sich ausziehen sollte. Als er sich weigerte, schoss ihm der Soldat erst in die Hand und dann in den Fuß. Der Film ist bewegend, aber leider fehlt mir dabei – zumindest bspw. als kurze Texteinblendung am Anfang – ein Kontext für den Angriff der Israelis. Und zwar ist aus Jenin eine Reihe von Selbstmordattentätern gekommen, die sich in Israel in die Luft gesprengt haben. So schrecklich und falsch dies ist, rechtfertigt es in meinen Augen nicht das Ausmaß, mit dem die lokale, ganz normale Bevölkerung bestraft wurde…
Im Anschluss an den Film stand der Regisseur Bakri für eine Diskussionsrunde bereit und hat von seinen Intentionen, den Film zu machen, und seinen Erfahrungen in Jenin und in Israel berichtet. Er hat sich kurz nach Ende der israelischen Offensive in Jenin in das Gebiet mit Kamera hineingeschmuggelt, um direkt mit den Menschen sprechen und deren Erfahrungen der Außenwelt zugänglich machen zu können. Von israelischer Seite war jede Einreise in das Gebiet verboten worden. Hier sitzt er rechts - links neben ihm sitzt Fakhri:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 7 |
Am eindrucksvollsten habe ich folgende Aussage von Bakri empfunden: „We don’t want peace, we want freedom.“ Wir wollen keinen Frieden, wir wollen Freiheit. Damit ist viel ausgedrückt…denn Frieden in der jetzigen Situation, in der sich Palästina (das Westjordanland und Gaza) befindet, wäre blanker Hohn. Dutzende Siedlungen, ein Straßennetz nur für Siedler/Israelis, welches das Westjordanland vielfach zerteilt und eine riesige Grenzmauer, gegen die die ehemalige ‚deutsche Mauer‘ wie ein Mäuerchen erscheint, schränken die Bewegungs- und insgesamt die Lebensfreiheit der Palästinenser extrem ein.
Dass man als Leiter des Kinos und überhaupt einer der Hauptverantwortlichen des ganzen Projekts auch recht müde werden kann, hat Marcus am dritten Tag gezeigt - da lag er mit einem Mal unter einem Bäumchen im Garten und hat geschlafen:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 7 |
Den zweiten Film des Tages ‚Arna’s Children‘ (Die Kinder von Arna) fand ich nochmal um einiges eindrucksvoller. Der Film berichtet über einen Zeitraum von 5-10 Jahren über die Geschichte eines Theaters, welches von der jüdischen Frau Arna und ihrem Sohn Juliano im Jeniner Flüchtlingslagers aufgebaut wurde. Anfangs skeptisch gegenüber den israelischen Personen, wurden Arna und Juliano schnell von den Kindern und ihren Eltern akzeptiert – weil sie zeigten, dass sie die Besatzung Palästinas ablehnen und sich vehement für einen freien Staat aussprechen.
Der Film zeigt, wie eine kleine Gruppe von Kindern ein Theaterstück einübt und aufführt und berichtet gleichzeitig über deren Lebenserfahrungen im Camp. Darüber hinaus springt der Film ca. fünf oder sechs Jahre weiter und berichtet, was aus den Kindern infolge der Zweiten Intifada (ab 2000) und vor allem der Zerstörung des Camps 2002 geworden ist. Das Theater musste geschlossen werden und Arna selbst ist infolge einer schweren Krebserkrankung gestorben – sie hat es sich aber nicht nehmen lassen, kurz vor ihrem Tod nochmals nach Jenin zu reisen, um von ihren Freunden dort Abschied zu nehmen.
Der Film zeigt die Auswirkungen des Krieges auf die Kinder und macht deutlich, wie ihre Entwicklung und ihre Kindheit dadurch, dass sie hier in Jenin und in diesem Umfeld leben, eingeschränkt und leider vielfach auch abrupt gestoppt wird. Drei oder vier der Kinder sind bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen. Ein anderer hat während der Kämpfe mehrere Familienmitglieder und Freunde verloren. Zudem hat er aus einem bombardierten Haus ein kleines Mädchen zu retten versucht, welches dann aber in seinen Armen verstarb. Wenige Tage nach diesem Erlebnis ist er mit einem weiteren Mann nach Tel Aviv gefahren und hat dort in einer Fußgängerpassage aus dem Auto heraus wahllos Menschen erschossen, bis er schließlich selbst von der Polizei erschossen wurde. Nun neigt man dazu, ihn als verrückten Selbstmordattentäter abzustempeln…aber ist es wirklich so einfach? Beide Vorfälle sind schrecklich…aber ich habe beim Schauen des Films festgestellt, dass man die Entwicklung dieses Mannes vielleicht nicht verstehen, aber zumindest doch teilweise nachvollziehen kann. Die traumatischen Erlebnisse haben dazu geführt, dass in ihm eine Sicherung durchgebrannt ist. Dies macht es nicht besser, was er getan hat, aber er ist eben auch nicht irgendein daher gelaufener, fundamentalistischer, verrückter Palästinenser gewesen, sondern jemand mit einer ganz eigenen persönlichen Geschichte und aus traumatischen für uns unvorstellbaren Umständen, infolge derer er schließlich in dieser schrecklichen Tat den einzigen Ausweg für sich selbst gesehen hat.
Heute existiert Arna’s Theater wiederaufgebaut an anderer Stelle als Freedom Theatre und wird von ihrem Sohn Juliano weitergeführt. Ich habe es leider noch nicht dorthin geschafft, werde aber morgen oder übermorgen mit einer Freundin von hier dorthin gehen und mir bei der Gelegenheit auch eine Kopie von ‚Arna’s Children‘ besorgen.
Nach Ende des Filmes ist eines der ‚Kinder‘ der ehemaligen Theatergruppe, Zacharia al-Zubaidi, für eine Diskussionsrunde dagewesen. Zacharia hat während der Zweiten Intifada in Jenin als Anführer der lokalen Al-Aqsa-Brigaden gegen Israel gekämpft. Dass er noch nicht gefangen genommen wurde hängt hauptsächlich damit zusammen, dass er vor einiger Zeit offiziell verkündet hat, dass er die Waffen niederlegen und sich stattdessen kulturell im Freedom Theatre engagieren würde. Hier sitzt er in der Mitte:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 7 |
In der Diskussion ging dieser kulturell, friedliche Aspekt dann allerdings – aus verschiedenen Gründen – etwas unter, als Zacharia bereits nach der zweiten Frage verkündete, dass er immer (auch hier) eine Waffe tragen würde. Nicht etwa, um andere zu erschießen, sondern um sicher zu gehen, dass er – sollten Israelis versuchen, ihn gefangen zu nehmen – auf jeden Fall erschossen werden würde. Danach ging es dann ähnlich militant weiter…dass sich an der Situation in Jenin seit 2002 nichts geändert hätte, dass man bewaffneten und kulturellen Widerstand verbinden könne etc. Eine recht heftige Diskussion also, während derer ein Mann vom Goethe-Institut in Ramallah aufzeigte und anmerkte, dass dieses Kino kein Ort für Waffen, sondern ein Ort des Friedens und des gewaltlosen Dialogs sein sollte. Recht hat der Mann…aber vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen Zacharias, kann man seine militante Einstellung doch (leider) nachvollziehen.
Am Abend des dritten und letzten Festivaltages gab es schließlich ein weiteres Konzert mit traditioneller, palästinensischer Musik und im Anschluss daran gab es eine kurze Show der Voluntäre, in welcher wir alle ein gemeinsames Lied gesungen haben. Unser Auftritt wurde leider durch eine Reihe von Stromausfällen immer wieder unterbrochen, bis wir am Ende ohne Soundverstärkung und Licht einfach so lautstark weitergesungen haben. Ein passendes Ende für ein wunderbares, wenn auch leicht chaotisches Eröffnungsfest :-)
Sonntag, 15. August 2010
Endlich: Wieder da + 5. August: Eröffnungstag
Liebe Leute, knapp zwei Wochen habe ich nun nicht mehr geschrieben, weil es kurz vor, während und nach dem Festival einfach zu stressig gewesen ist. Nachdem ich nun vier schöne Tage in Jerusalem verbracht habe und seit Donnerstag wieder in Jenin bin, habe ich endlich etwas Zeit gefunden, die Fotos vom Festival zu bearbeiten und hochzuladen. Die nächsten Tage werde ich nach und nach vom Festival berichten. Tut mir, wie schon gesagt, sehr leid, dass es so lange gedauert hat. Aber ich gelobe Besserung, denn nun ist ja nicht mehr ‚sooo‘ viel zutun wie vor dem Opening.
Seitdem hat sich jedenfalls einiges getan. Die Hälfte der deutschen Volunteers ist wieder abgereist, da viele nur bis zum Opening ihren Aufenthalt geplant hatten. Somit gab es bereits mehrere Abende, an denen viele Leute verabschiedet wurden. Diese Abreisen haben natürlich auch zur Folge, dass wir uns hier als Team neu re-gruppieren und zusammenfinden müssen, weil es ja zwangsweise etwas zerpflückt ist. Somit hat es personell einige Umstrukturierungen und was Aufgaben angeht auch Neubesetzungen gegeben. Ich habe jetzt das Amt des Press Officers übernommen, da Liva, die dies zuvor gemacht hat, diesen Job nur bis zum Opening eingeplant hatte und sich nun auch wieder voll ihrem Job widmen möchte und muss.
Aber gut, soviel zu den ganz akuten Neuigkeiten – jetzt berichte ich erst einmal von der Vergangenheit und von dem großartigen Festival, von dem ja die meisten schon durch die diversen Zeitungs- und TV-Beiträge gehört haben dürfte. Das Medienecho ist wirklich überwältigend gewesen. Ich habe die letzten Tage einen Pressespiegel – d.h. eine Übersicht über die Berichterstattung – erstellt, den ich hier auch versuche hochzuladen. Heute habe ich alle Journalisten, die über uns berichtet haben, angeschrieben und um Belegexemplare ihrer Artikel gebeten – die ersten sind auch schon als PDFs angekommen. Aus Deutschland ist der Beitrag in der Süddeutschen Zeitung von Karin Steinberger am Schönsten – Karin ist ca. eine Woche hier gewesen und die Tatsache, dass sie das Team auch menschlich gut kennengelernt hat, spiegelt sich in ihrem Artikel wider.
Nun aber zur Eröffnung: Die Bauarbeiten am Kino gingen bis in den frühen Morgen des Eröffnungstages. Noch kurz vor Öffnung der Türen sind die letzten Schrauben festgezogen und die letzten technischen Einrichtungen getestet worden. Kurz vorher sind ja überhaupt erst die Stuhlreihen reingebracht und am Boden fixiert worden. Damit sah das Kino dann endlich wie ein richtiges Kino aus – Anne und ich haben noch schnell geprüft, dass auch alle Schrauben fest sind und auch niemand vom Stuhl rutschen kann. Hier ein paar Fotos von den letzten Tagen vorm Opening:
Die Mädels auf dem Weg zurück von der Arbeit:
Clara und Anne auf dem Gerüst der Außenleiwand:
Natürlich durfte auch genug zu Essen nicht fehlen - Mittag gab es draußen:
Am letzten Abend gab es nochmals ein letztes großes Gruppenmeeting und danach ein leckeres Buffet für das gesamte Team mit traditionellem palästinensischem Essen:
Hinter dem Obst stand David (ein Australier) mit einem palästinensischem Jungen und beide haben uns mit schönen Geigenklängen beglückt:
Zudem ist zwei Abende vorher auch das Logo ‚Cinema Jenin‘ an der Frontfassade des Kinos angebracht worden. Ca. 40 Menschen haben zugeschaut, wie der Techniker Buchstabe für Buchstabe der Leuchtschrift angebracht hat. Am Ende wurde ordentlich geklatscht, als das Licht aus- und die Leuchtbuchstaben angeschaltet wurden.
Auf diesem Bild sieht man die Schrift schön leuchten - das Bild ist allerdings erst einige Tage nach dem Opening entstanden, als von einem Kran der LED-Screen auf das Dach des Kinos gehievt wurde, der seitdem über das Programm des Kinos berichtet und in Zukunft über Werbeausstrahlungen Geld einbringen soll:
Am Abend vor der Eröffnung haben Liva, Tariq und ich (vom Presseteam) noch intensiv an der Pressemappe für die Journalisten gearbeitet. Diese bestand u.a. aus einer mehrseitigen Medieninfo über das Projekt, einem Ablaufplan des Festivals speziell für Journalisten, einer Übersicht über Spenden etc. Die längeren Texte sind zudem von Tariq ins Arabische übersetzt worden. Dies alles habe ich dann gelayoutet und in ein halbwegs passables Design eingepasst. Nach einer kurzen Nacht begann der große Tag des Openings für mich dann um 7 Uhr. Schnell geduscht, gefrühstückt und in Schale geworfen, ging es dann direkt wieder ins Büro, die Pressemappe fertigstellen und zum Copyshop bringen. Letzteres sollte ein kleines Abenteuer werden, da wir uns etwas mit der Druck-, Kopier- und Tacker-Arbeit verschätzt hatten. Von ca. 9:30 bis 12:00 Uhr haben wir im Namen von Cinema Jenin den gesamten Copyshop in Beschlag genommen – die Kopierer liefen, abgesehen von diversen Stromausfällen, non-stop und wir waren zusammen mit dem halben Copyshop-Personal dabei, alle unsere Dokumente zu tackern und zu sortieren. Dabei habe ich mit einer der Frauen, die dort gearbeitet haben, ein Gespräch über die israelische Besatzung geführt, in dem sie mich über meine Meinung gefragt hat und was denn das Kino tun kann bzw. ob es überhaupt helfen kann. Ich habe versucht so diplomatisch wie möglich meinen Standpunkt darzustellen – und zwar, dass ich natürlich auch gegen die Besatzung bin, aber in dem Kino viel Potential für Jenin sehe: nicht nur als Unterhaltungs- und Kulturort, sondern eben auch als zukünftiger Anbieter von Arbeitsplätzen. Gegen ihr Argument, dass die Menschen unter Besatzung keinen Spaß haben könnten im Kino, habe ich jedoch nichts entgegnen können…dafür kann ich als Deutscher auch nicht wirklich verstehen, was die Menschen hier alles durchgemacht haben… 2002 wie gesagt die Schlacht von Jenin und bis vor 1-2 Jahren noch regelmäßig Großeinsätze der Israelis vor Ort mit Panzern etc.
Nachdem die Pressemappe dann fertig gedruckt und sortiert war, sind Liva und ich mit einigen anderen des Teams zur Pressekonferenz gefahren, welche wir am Abend vorher schon dekorativ vorbereitet hatten. Die Konferenz lief mit ca. 40 Journalisten eigentlich sehr schön über die Bühne. Am Rednerpult saßen der Chef des Goethe-Instituts Ramallah, Mona Staiti (aus unserem Projekt), Fakhri Hamad (Projektleiter von paläst. Seite), der Direktor des deutschen Vertretungsbüros in Ramallah (sozusagen der Botschafter, wenn Palästina ein Staat wäre, in dem es eine deutsche Botschaft gäbe), der Gouverneur Jenins, Marcus Vetter, Ismael Khatib und Bianca Jagger (Menschenrechtsaktivistin und Ex-Frau von Mick Jagger). Hier ein paar Fotos:
Nach der Konferenz ging es dann zurück zum Office und wenig später begann auch schon die groß geplante Eröffnungszeremonie unter Teilnahme des palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad. Bei dessen Ankunft hat eine lokale Trommeltruppe (The Marshalls) zur Begrüßung gespielt. Auf deren Shirts steht hinten ‚1948‘ geschrieben – das Datum, was für die Israelis Volksfest ist (da Gründung Israels und israelischer Unabhängigkeitskrieg), für die Palästinenser aber die Nakba – d.h. die Katastrophe, da es deren Vertreibung aus Palästina markiert. Letzteres wird leider in Israel nach wie vor kaum bis gar nicht unterrichtet…ein öffentliches Gedenken daran steht teilweise sogar unter Strafe…
Durch Fayyad und den Gouverneur Jenins wurde schließlich das rote Band vor dem Kino durchschnitten und die Zeremonie im Innenraum konnte beginnen mit einer Reihe von Reden (u.a. von Fayyad selbst) und musikalischen Darbietungen. Ich hatte zum Glück im Office nicht allzu viel zutun, da die ganzen Journalisten natürlich vor dem bzw. im Kino zu Gange waren. So konnte ich immer mal wieder ins Kino schauen.
Hier Fotos von der Ankunft Fayyads - unter Großaufgebot von Sicherheitskräften:
Nach der Zeremonie innen wurde schließlich auch der Garten und die Cafeteria draußen feierlich eröffnet. Danach ging es dann draußen mit Essen und Musik weiter. Hier ein paar Fotos aus der Feier im Garten:
Amjat und ich - Amjat ist im Team der 'Usher' tätig, d.h. derjenigen, die Leute zum Platz weisen und überhaupt für Ruhe und Ordnung zuständig sind:
Felix, Mona, André, Anne und ich:
Ali (auch ein Usher) mit dem wohl niedlichsten Baby im Cinema Jenin Team: Habib. Der Sohn von Ayman, der für das Essen im Guesthouse zuständig ist:
Zwischendrin musste Marcus immer wieder Interviews geben (hier glaube ich für Al-Jazeera) und auch dieser kleine Junge ist mit einer Kamera beschäftigt gewesen:
Zu guter Letzt: ein etwas schräges Foto - ich weiß nicht, wer diese Frau ist, aber nach kurzer Nachfrage bei den Sicherheitskräften durfte ich das Foto schießen:
Am Abend wurden schließlich einige der Hauptkräfte hinter dem Projekt mit kleinen Dankestrophäen belohnt.
Und im Anschluss wurde als Eröffnungsfilm – welcher anderer könnte es sein – „Das Herz von Jenin“ gezeigt. Das war schon eine interessante Atmosphäre, diesen Film in Jenin und unter Beisammensein von Ismael Khatib, dessen Geschichte der Film ja erzählt, zu schauen. Ismael hat den Film seit dessen Fertigstellung sicherlich schon dutzende Male gesehen. Immer wieder den Tod seines Sohne, die Entscheidung die Organe zu spenden und die Treffen mit den Empfängerkindern… was für ein starker Mann.
Unten rechts im Bild sitzt Ismael:
Im Anschluss an den Film wurde der Eröffnungstag durch ein wunderbares Konzert vom Trio Joubran abgeschlossen. Das Bruder-Trio macht traditionelle palästinensische Musik mit der Oud-Gitarre, wobei die drei improvisieren und leicht verjazzt spielen.
Hier ein Video von einem ihrer vergangenen Konzerte:
Zum Abschluss noch ein Gedanke: Morgen bin ich nun seit vier Wochen in Jenin. Die Zeit ist verdammt schnell vergangen, was bei den vielen Eindrücken und der ganzen Arbeit für das Festival ja auch kein Wunder ist. Wir leben hier mehr oder weniger im 'Mikrokosmos Cinema Jenin', der sich zwischen Guesthouse, dem Kino und den Büroräumen - die sich alle in einem Umkreis von 100m befinden - ausstreckt. Bis auf einen kleinen 'Ausflug' zum Markt und einer kleinen Exkursion letzte Woche zu einem Fluss ca. 1 Stunde von hier und nach Nablus habe ich von Jenin noch nichts gesehen. Das werde ich nun - nach der Eröffnung des Kinos – endlich alles nachholen können. Morgen oder übermorgen werde ich das Angebot von Yousef in Anspruch nehmen und mir das Flüchtlingslager hier zeigen zu lassen. Es ist leicht, hier im ‚Mikrokosmos‘ zu vergessen, wo man ist – d.h. in einem Krisengebiet, in dem alle Menschen schmerzhafte Erinnerungen haben an Krieg, Zerstörung und den Verlust von Freunden und Familie. Während des Festivals sind außer ‚Das Herz von Jenin‘ am dritten Tag zwei weitere Dokumentarfilme über Jenin gezeigt worden, durch die ich erstmals mehr über die Geschichte der Stadt und das Leben der Menschen hier gelernt habe. Insbesondere die Auswirkungen von und das Leben während der Zweiten Intifada – dem zweiten Aufstand der Palästinenser gegen die Bestatzung Anfang der 2000er – sind darin thematisiert worden. Aber dazu mehr, wenn ich vom dritten Tag erzähle.
Soviel erstmal von mir. Gute Nacht!
Seitdem hat sich jedenfalls einiges getan. Die Hälfte der deutschen Volunteers ist wieder abgereist, da viele nur bis zum Opening ihren Aufenthalt geplant hatten. Somit gab es bereits mehrere Abende, an denen viele Leute verabschiedet wurden. Diese Abreisen haben natürlich auch zur Folge, dass wir uns hier als Team neu re-gruppieren und zusammenfinden müssen, weil es ja zwangsweise etwas zerpflückt ist. Somit hat es personell einige Umstrukturierungen und was Aufgaben angeht auch Neubesetzungen gegeben. Ich habe jetzt das Amt des Press Officers übernommen, da Liva, die dies zuvor gemacht hat, diesen Job nur bis zum Opening eingeplant hatte und sich nun auch wieder voll ihrem Job widmen möchte und muss.
Aber gut, soviel zu den ganz akuten Neuigkeiten – jetzt berichte ich erst einmal von der Vergangenheit und von dem großartigen Festival, von dem ja die meisten schon durch die diversen Zeitungs- und TV-Beiträge gehört haben dürfte. Das Medienecho ist wirklich überwältigend gewesen. Ich habe die letzten Tage einen Pressespiegel – d.h. eine Übersicht über die Berichterstattung – erstellt, den ich hier auch versuche hochzuladen. Heute habe ich alle Journalisten, die über uns berichtet haben, angeschrieben und um Belegexemplare ihrer Artikel gebeten – die ersten sind auch schon als PDFs angekommen. Aus Deutschland ist der Beitrag in der Süddeutschen Zeitung von Karin Steinberger am Schönsten – Karin ist ca. eine Woche hier gewesen und die Tatsache, dass sie das Team auch menschlich gut kennengelernt hat, spiegelt sich in ihrem Artikel wider.
Nun aber zur Eröffnung: Die Bauarbeiten am Kino gingen bis in den frühen Morgen des Eröffnungstages. Noch kurz vor Öffnung der Türen sind die letzten Schrauben festgezogen und die letzten technischen Einrichtungen getestet worden. Kurz vorher sind ja überhaupt erst die Stuhlreihen reingebracht und am Boden fixiert worden. Damit sah das Kino dann endlich wie ein richtiges Kino aus – Anne und ich haben noch schnell geprüft, dass auch alle Schrauben fest sind und auch niemand vom Stuhl rutschen kann. Hier ein paar Fotos von den letzten Tagen vorm Opening:
Die Mädels auf dem Weg zurück von der Arbeit:
| Von Finale Bauphase und so |
| Von Finale Bauphase und so |
| Von Finale Bauphase und so |
| Von Finale Bauphase und so |
| Von Finale Bauphase und so |
Clara und Anne auf dem Gerüst der Außenleiwand:
| Von Finale Bauphase und so |
Natürlich durfte auch genug zu Essen nicht fehlen - Mittag gab es draußen:
| Von Finale Bauphase und so |
| Von Finale Bauphase und so |
Am letzten Abend gab es nochmals ein letztes großes Gruppenmeeting und danach ein leckeres Buffet für das gesamte Team mit traditionellem palästinensischem Essen:
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| Von Finale Bauphase und so |
Hinter dem Obst stand David (ein Australier) mit einem palästinensischem Jungen und beide haben uns mit schönen Geigenklängen beglückt:
| Von Finale Bauphase und so |
Zudem ist zwei Abende vorher auch das Logo ‚Cinema Jenin‘ an der Frontfassade des Kinos angebracht worden. Ca. 40 Menschen haben zugeschaut, wie der Techniker Buchstabe für Buchstabe der Leuchtschrift angebracht hat. Am Ende wurde ordentlich geklatscht, als das Licht aus- und die Leuchtbuchstaben angeschaltet wurden.
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| Von Finale Bauphase und so |
Auf diesem Bild sieht man die Schrift schön leuchten - das Bild ist allerdings erst einige Tage nach dem Opening entstanden, als von einem Kran der LED-Screen auf das Dach des Kinos gehievt wurde, der seitdem über das Programm des Kinos berichtet und in Zukunft über Werbeausstrahlungen Geld einbringen soll:
| Von Ausflug Ölbaumhain und LED-Screen |
Am Abend vor der Eröffnung haben Liva, Tariq und ich (vom Presseteam) noch intensiv an der Pressemappe für die Journalisten gearbeitet. Diese bestand u.a. aus einer mehrseitigen Medieninfo über das Projekt, einem Ablaufplan des Festivals speziell für Journalisten, einer Übersicht über Spenden etc. Die längeren Texte sind zudem von Tariq ins Arabische übersetzt worden. Dies alles habe ich dann gelayoutet und in ein halbwegs passables Design eingepasst. Nach einer kurzen Nacht begann der große Tag des Openings für mich dann um 7 Uhr. Schnell geduscht, gefrühstückt und in Schale geworfen, ging es dann direkt wieder ins Büro, die Pressemappe fertigstellen und zum Copyshop bringen. Letzteres sollte ein kleines Abenteuer werden, da wir uns etwas mit der Druck-, Kopier- und Tacker-Arbeit verschätzt hatten. Von ca. 9:30 bis 12:00 Uhr haben wir im Namen von Cinema Jenin den gesamten Copyshop in Beschlag genommen – die Kopierer liefen, abgesehen von diversen Stromausfällen, non-stop und wir waren zusammen mit dem halben Copyshop-Personal dabei, alle unsere Dokumente zu tackern und zu sortieren. Dabei habe ich mit einer der Frauen, die dort gearbeitet haben, ein Gespräch über die israelische Besatzung geführt, in dem sie mich über meine Meinung gefragt hat und was denn das Kino tun kann bzw. ob es überhaupt helfen kann. Ich habe versucht so diplomatisch wie möglich meinen Standpunkt darzustellen – und zwar, dass ich natürlich auch gegen die Besatzung bin, aber in dem Kino viel Potential für Jenin sehe: nicht nur als Unterhaltungs- und Kulturort, sondern eben auch als zukünftiger Anbieter von Arbeitsplätzen. Gegen ihr Argument, dass die Menschen unter Besatzung keinen Spaß haben könnten im Kino, habe ich jedoch nichts entgegnen können…dafür kann ich als Deutscher auch nicht wirklich verstehen, was die Menschen hier alles durchgemacht haben… 2002 wie gesagt die Schlacht von Jenin und bis vor 1-2 Jahren noch regelmäßig Großeinsätze der Israelis vor Ort mit Panzern etc.
Nachdem die Pressemappe dann fertig gedruckt und sortiert war, sind Liva und ich mit einigen anderen des Teams zur Pressekonferenz gefahren, welche wir am Abend vorher schon dekorativ vorbereitet hatten. Die Konferenz lief mit ca. 40 Journalisten eigentlich sehr schön über die Bühne. Am Rednerpult saßen der Chef des Goethe-Instituts Ramallah, Mona Staiti (aus unserem Projekt), Fakhri Hamad (Projektleiter von paläst. Seite), der Direktor des deutschen Vertretungsbüros in Ramallah (sozusagen der Botschafter, wenn Palästina ein Staat wäre, in dem es eine deutsche Botschaft gäbe), der Gouverneur Jenins, Marcus Vetter, Ismael Khatib und Bianca Jagger (Menschenrechtsaktivistin und Ex-Frau von Mick Jagger). Hier ein paar Fotos:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Nach der Konferenz ging es dann zurück zum Office und wenig später begann auch schon die groß geplante Eröffnungszeremonie unter Teilnahme des palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad. Bei dessen Ankunft hat eine lokale Trommeltruppe (The Marshalls) zur Begrüßung gespielt. Auf deren Shirts steht hinten ‚1948‘ geschrieben – das Datum, was für die Israelis Volksfest ist (da Gründung Israels und israelischer Unabhängigkeitskrieg), für die Palästinenser aber die Nakba – d.h. die Katastrophe, da es deren Vertreibung aus Palästina markiert. Letzteres wird leider in Israel nach wie vor kaum bis gar nicht unterrichtet…ein öffentliches Gedenken daran steht teilweise sogar unter Strafe…
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Durch Fayyad und den Gouverneur Jenins wurde schließlich das rote Band vor dem Kino durchschnitten und die Zeremonie im Innenraum konnte beginnen mit einer Reihe von Reden (u.a. von Fayyad selbst) und musikalischen Darbietungen. Ich hatte zum Glück im Office nicht allzu viel zutun, da die ganzen Journalisten natürlich vor dem bzw. im Kino zu Gange waren. So konnte ich immer mal wieder ins Kino schauen.
Hier Fotos von der Ankunft Fayyads - unter Großaufgebot von Sicherheitskräften:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Nach der Zeremonie innen wurde schließlich auch der Garten und die Cafeteria draußen feierlich eröffnet. Danach ging es dann draußen mit Essen und Musik weiter. Hier ein paar Fotos aus der Feier im Garten:
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| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Amjat und ich - Amjat ist im Team der 'Usher' tätig, d.h. derjenigen, die Leute zum Platz weisen und überhaupt für Ruhe und Ordnung zuständig sind:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Felix, Mona, André, Anne und ich:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Ali (auch ein Usher) mit dem wohl niedlichsten Baby im Cinema Jenin Team: Habib. Der Sohn von Ayman, der für das Essen im Guesthouse zuständig ist:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Zwischendrin musste Marcus immer wieder Interviews geben (hier glaube ich für Al-Jazeera) und auch dieser kleine Junge ist mit einer Kamera beschäftigt gewesen:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Zu guter Letzt: ein etwas schräges Foto - ich weiß nicht, wer diese Frau ist, aber nach kurzer Nachfrage bei den Sicherheitskräften durfte ich das Foto schießen:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Am Abend wurden schließlich einige der Hauptkräfte hinter dem Projekt mit kleinen Dankestrophäen belohnt.
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Und im Anschluss wurde als Eröffnungsfilm – welcher anderer könnte es sein – „Das Herz von Jenin“ gezeigt. Das war schon eine interessante Atmosphäre, diesen Film in Jenin und unter Beisammensein von Ismael Khatib, dessen Geschichte der Film ja erzählt, zu schauen. Ismael hat den Film seit dessen Fertigstellung sicherlich schon dutzende Male gesehen. Immer wieder den Tod seines Sohne, die Entscheidung die Organe zu spenden und die Treffen mit den Empfängerkindern… was für ein starker Mann.
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Unten rechts im Bild sitzt Ismael:
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Im Anschluss an den Film wurde der Eröffnungstag durch ein wunderbares Konzert vom Trio Joubran abgeschlossen. Das Bruder-Trio macht traditionelle palästinensische Musik mit der Oud-Gitarre, wobei die drei improvisieren und leicht verjazzt spielen.
| Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 5 |
Hier ein Video von einem ihrer vergangenen Konzerte:
Zum Abschluss noch ein Gedanke: Morgen bin ich nun seit vier Wochen in Jenin. Die Zeit ist verdammt schnell vergangen, was bei den vielen Eindrücken und der ganzen Arbeit für das Festival ja auch kein Wunder ist. Wir leben hier mehr oder weniger im 'Mikrokosmos Cinema Jenin', der sich zwischen Guesthouse, dem Kino und den Büroräumen - die sich alle in einem Umkreis von 100m befinden - ausstreckt. Bis auf einen kleinen 'Ausflug' zum Markt und einer kleinen Exkursion letzte Woche zu einem Fluss ca. 1 Stunde von hier und nach Nablus habe ich von Jenin noch nichts gesehen. Das werde ich nun - nach der Eröffnung des Kinos – endlich alles nachholen können. Morgen oder übermorgen werde ich das Angebot von Yousef in Anspruch nehmen und mir das Flüchtlingslager hier zeigen zu lassen. Es ist leicht, hier im ‚Mikrokosmos‘ zu vergessen, wo man ist – d.h. in einem Krisengebiet, in dem alle Menschen schmerzhafte Erinnerungen haben an Krieg, Zerstörung und den Verlust von Freunden und Familie. Während des Festivals sind außer ‚Das Herz von Jenin‘ am dritten Tag zwei weitere Dokumentarfilme über Jenin gezeigt worden, durch die ich erstmals mehr über die Geschichte der Stadt und das Leben der Menschen hier gelernt habe. Insbesondere die Auswirkungen von und das Leben während der Zweiten Intifada – dem zweiten Aufstand der Palästinenser gegen die Bestatzung Anfang der 2000er – sind darin thematisiert worden. Aber dazu mehr, wenn ich vom dritten Tag erzähle.
Soviel erstmal von mir. Gute Nacht!
Montag, 9. August 2010
Bald wieder da
Das Festival ist geschafft. Das Kino ist eröffnet. Und heute ist der erste Tag nach dem großen Event. Sorry, dass ich so lange nichts geschrieben habe, aber die Tage kurz vor und während des Festivals waren sehr arbeitsintensiv, so dass ich abends dann zu müde war, überhaupt irgendetwas zu machen außer noch etwas auf dem Balkon zu sitzen und dann schlafen zu gehen.
Dieser Eintrag wird leider auch nur ganz kurz: Es ist viertel nach Eins und ich möchte morgen rechtzeitig aufstehen, da ich mit drei Freunden nach Jerusalem fahre für drei Tage - etwas ausspannen :-) Das bedeutet, dass der nächste längere Eintrag erst am Donnerstag oder Freitag kommen wird. Bis dahin habe ich dann auch alle Fotos fertig und online gestellt. Dann berichte ich ausführlich von dem Festival. Eine erste Bilanz kann ich aber auf jeden Fall ziehen: Wie schon die Bauarbeiten und Planungen vorher, war das Festival tendenziell chaotisch, lief dafür aber verblüffend reibungslos und spannend über die Bühne. Aber, wie gesagt, Details und Fotos gibt es Ende der Woche.
Die Medienresonanz ist überwältigend gewesen - ich glaube, dass in so gut wie jeder großen deutschen Zeitung von Jenin berichtet wurde und auch international wurde über uns geschrieben. In der SZ ist ein schöner Artikel auf Seite 3 gewesen von einer sehr netten Journalisten namens Karin, die hier für ein paar Tage vorbeigekommen ist. Und es gab auch einige Fernsehbeiträge. Der angekündigte Beitrag bei aspekte auf ZDF ist leider an einem längeren Stromausfall gescheitert, der eine rechtzeitige Fertigstellung unmöglich gemacht hat. Ich hoffe aber, dass er in der nächsten Sendung nachgeholt wird. Heute hat es im Weltspiegel auf ARD einen beitrag von Richard Spiegel gegeben hier der Link:
http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5087578
So, jetzt gehe ich aber ins Bett. Tisbah al-cheer (Gute Nacht)
Dieser Eintrag wird leider auch nur ganz kurz: Es ist viertel nach Eins und ich möchte morgen rechtzeitig aufstehen, da ich mit drei Freunden nach Jerusalem fahre für drei Tage - etwas ausspannen :-) Das bedeutet, dass der nächste längere Eintrag erst am Donnerstag oder Freitag kommen wird. Bis dahin habe ich dann auch alle Fotos fertig und online gestellt. Dann berichte ich ausführlich von dem Festival. Eine erste Bilanz kann ich aber auf jeden Fall ziehen: Wie schon die Bauarbeiten und Planungen vorher, war das Festival tendenziell chaotisch, lief dafür aber verblüffend reibungslos und spannend über die Bühne. Aber, wie gesagt, Details und Fotos gibt es Ende der Woche.
Die Medienresonanz ist überwältigend gewesen - ich glaube, dass in so gut wie jeder großen deutschen Zeitung von Jenin berichtet wurde und auch international wurde über uns geschrieben. In der SZ ist ein schöner Artikel auf Seite 3 gewesen von einer sehr netten Journalisten namens Karin, die hier für ein paar Tage vorbeigekommen ist. Und es gab auch einige Fernsehbeiträge. Der angekündigte Beitrag bei aspekte auf ZDF ist leider an einem längeren Stromausfall gescheitert, der eine rechtzeitige Fertigstellung unmöglich gemacht hat. Ich hoffe aber, dass er in der nächsten Sendung nachgeholt wird. Heute hat es im Weltspiegel auf ARD einen beitrag von Richard Spiegel gegeben hier der Link:
http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5087578
So, jetzt gehe ich aber ins Bett. Tisbah al-cheer (Gute Nacht)
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