Freitag, 20. August 2010

6. und 7. August: Bewegende Filme und Diskussionen

Das Kino hat nun schon fast seit zwei Wochen seinen regulären Betrieb aufgenommen und es läuft im Grunde jeden Tag ein wenig besser. Seit einer Woche haben wir einen ägyptischen Film namens Elemby 8 Giga im Programm, welcher – nach deutschen Maßstäben – sehr schräg und übertrieben emotional geschauspielert ist, aber welcher hier lokal sehr gut ankommt. Einige Male hatten wir schon volles Haus innen im Kinosaal. Hinzu kommen regelmäßige Konzerte auf der Open-Air-Bühne. Gestern ist ein lokaler Zauberkünstler dagewesen, der fast zwei Stunden Programm gemacht hat. Der Garten war voll von Besuchern – vor allem Familien sind gekommen und die Kinder sind ganz begeistert gewesen von der Aufführung. Der Herr kommt insgesamt noch zweimal zu uns.

Ansonsten ist es recht ruhig geworden hier im Gästehaus und ums Kino herum. Heute Mittag sind Marcus und Familie zurück nach Deutschland abgereist. Marcus kümmert sich die nächsten Monate zusammen mit dem Kameramann Alex um die Sichtung des Filmmaterials zu dem Dokumentarfilm ‚Projekt Cinema Jenin‘, welcher im nächsten Jahr im April (oder Juli) Premiere feiern soll, und zwar bei dem ersten Jenin International Film Festival. Das wird für die beiden keine leichte Aufgabe, denn soweit ich weiß, sind in den zwei Jahren Bauphase über 800 Stunden Filmmaterial zusammengekommen. Jedenfalls sind wir alle SEHR gespannt auf das Resultat. Wenn ich Zeit habe, werde ich auf jeden Fall wieder hierher reisen zu dem Festival.

Soviel zu den aktuellen Entwicklungen. Jetzt geht es weiter mit der Beschreibung des Festivals. Ich habe ja noch immer nicht über den zweiten und dritten Tag berichtet. Nach dem großen Eröffnungstag ist die Luft merklich ein wenig weg gewesen. Wir waren alle müde – wohl auch, weil wir am selben Abend noch im Guesthouse gefeiert haben bis in die Nacht hinein. Bei etwas lauterer Musik, die nach einem Besuch der Polizei vor der Tür etwas leiser gemacht werden musste.

Am zweiten Tag des Festivals (dem 6.8.) war das Programm etwas ruhiger als am Tag zuvor. Drinnen wurden drei Filme gezeigt und draußen war tagsüber Programm für Kinder und abends waren zwei Tanzgruppen auf der Bühne. Aber der Reihe nach:

Am Vormittag gab es zunächst eine kleine, informelle Gesprächrunde zwischen Journalisten und Marcus (Vetter) und Fakhri (Hamad) - Co-Manager des Cinemas neben Marcus - hier ein Foto:

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6


Als erster Film lief am Nachmittag ‚To Shoot an Elephant‘ – eine Dokumentation über die Gazaoffensive Israels Ende 2008, infolge derer große Teile des Gazastreifens zerstört wurden. Damals war ein internationales Filmteam zufällig vor Ort, als der Krieg begann.
Von Daniel.Jenin

- Auf dem Plakat steht in Englisch: "Wieviele von uns müssen sterben, damit ihr reagiert?" -

Auf verdeckten Fahrten in Krankenwagen und bei Freunden versteckt haben sie so viel gefilmt, wie sie konnten – vor allem mit Fokus auf die Auswirkungen auf den ‚Alltag‘ im Gazastreifen und die Zivilbevölkerung. Der Film war durch die bruchstückhafte Berichterstattung – dadurch bedingt, dass eben nicht planbar war, was gefilmt werden konnte – und das Ausmaß an Zerstörung und Tod, was man sehen konnte, sehr beklemmend. Er endet mit einer Szene, die den ganzen Konflikt nur noch pervers erscheinen lässt: Das Filmteam steht vor einer großen, lichterloh brennenden Lagerhalle, in welcher die einzigen von der UN gelieferten Medikamente und medizinisches Equipment gelagert und auf dem Dach der Halle auch als solche gekennzeichnet waren.

Als zweiter Film lief Captain Abu Raed, die Geschichte von einem in die Jahre gekommenen Putzmann an einem Flughafen, welcher immer mit einer Kapitänsmütze durch Amman (Jordanien) läuft und irgendwann von Kindern angesprochen wird, ob er ein wirklicher Kapitän sei. Nach einigem Zögern nimmt er die Rolle an und erzählt den Kindern von aufregenden (erfunden) Reisen durch die Welt. Der Film zeigt wunderschöne Bilder aus Amman, ist aber – was die Geschichte angeht – etwas überladen. Neben den Erzählungen werden u.a. auch die Situation der Frauen und insbesondere Alkoholismus und häusliche Gewalt thematisiert. Der alte Herr nimmt sich einer Familie an und sorgt am Ende dafür, dass die Frau und Kinder von dem gewalttätigen Ehemann fliehen können. Somit fängt der Film durchaus als Kinderfilm an, endet jedoch irgendwo zwischen Sozialdrama und Gesellschaftsstudie.

Der Nachmittag des zweiten Tages war ganz den Kindern Jenins gewidmet. Zunächst wurden die Kinder geschminkt und darauffolgend hat eine – zugegeben sehr schräge – Unterhaltungstruppe mit lauter Musik für ordentliche Stimmung gesorgt. Recht durchgedreht, aber den Kiddies hat es sichtlich gefallen!

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6
Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6


Versorgt wurde man und werden wir nach wie vor übrigens von Allam's Cafeteria - jupp, genau der Allam, bei dem wir vorher im Vorgarten die Mosaiktische fertig gemacht haben:

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6


Am Abend waren schließlich Tänzer auf der Außenbühne, die traditionelle palästinensische Tänze aufgeführt haben. Das hatte ich ja nun schon einige Male gesehen, aber interessant war es trotzdem. Aufregender war jedoch, dass in etwa nach der Hälfte des Auftrittes der Strom in Jenin ausgefallen ist – und zwar nachdem mit einem ordentlichen Knall der Stromgenerator auf der Kreuzung vor dem Kino in die Luft gegangen war.

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 6


Somit saßen alle Gäste ca. 10 Minuten komplett im Schwarzen, bis der kinoeigene Generator angeschlossen war und somit zumindest die Soundanlage und ein Scheinwerfer wieder zum Laufen gebracht werden konnten. Den Gästen hat der Stromausfall jedenfalls keinerlei Sorgen gemacht – alle sind gemütlich sitzen geblieben und haben sich weiter unterhalten als wäre nix passiert. In Deutschland hätte eine ähnliche Situation sicherlich anders ausgesehen…

Auch der dritte Tag war recht ruhig. Tagsüber wurde zunächst die in den kommenden Monaten aufzubauende Jenin Film School vorgestellt. Diese wird als Kooperation zwischen dem Cinema Jenin und dem Freedom Theatre (von dem ich, glaube ich, schonmal kurz berichtet hatte) aufgebaut. Sie soll ganz aktuell dabei helfen, lokal Menschen auszubilden, die bei der Herstellung z.B. von Werbefilmen und später auch längeren Spiel- oder Dokumentarfilmen helfen können. Bis es soweit ist, wird es aber sicherlich noch eine Weile dauern.

Im Anschluss an die Vorstellung der Filmschule folgten zwei weitere Dokumentarfilme über Jenin. Als erstes der Film ‚Jenin, Jenin‘ von Mohammad Bakri, welcher über das ‚Battle of Jenin‘ von 2002 berichtet und wie die Menschen hier vor Ort mit der Besatzung und der konstanten Bedrohung leben. In Israel hat der Film für einige Furore gesorgt – er ist offiziell verboten worden, wurde dann aber doch in einem Kino gezeigt, woraufhin der Kinobetreiber verurteilt wurde. Dem Regisseur Bakri wurde u.a. vorgeworfen, dass er den Menschen vor der Kamera ganz bewusst gesagt hätte, was sie sagen sollen. Wenn man sich den Film angeschaut hat wird einem schnell klar, dass dem nicht so ist – ansonsten wären alle Menschen in dem Film verdammt gute Schauspieler. In dem Film erzählt u.a. ein junges Mädchen mit ernstem Blick, dass die Israelis Jenin so oft zerstören könnten, wie sie wollten, die Menschen hier seien stark und Häuser kann man immer wieder aufbauen. An anderer Stelle erzählt ein alter Mann unter Tränen, wie er auf der Straße von Israelis angehalten wurde und sich ausziehen sollte. Als er sich weigerte, schoss ihm der Soldat erst in die Hand und dann in den Fuß. Der Film ist bewegend, aber leider fehlt mir dabei – zumindest bspw. als kurze Texteinblendung am Anfang – ein Kontext für den Angriff der Israelis. Und zwar ist aus Jenin eine Reihe von Selbstmordattentätern gekommen, die sich in Israel in die Luft gesprengt haben. So schrecklich und falsch dies ist, rechtfertigt es in meinen Augen nicht das Ausmaß, mit dem die lokale, ganz normale Bevölkerung bestraft wurde…

Im Anschluss an den Film stand der Regisseur Bakri für eine Diskussionsrunde bereit und hat von seinen Intentionen, den Film zu machen, und seinen Erfahrungen in Jenin und in Israel berichtet. Er hat sich kurz nach Ende der israelischen Offensive in Jenin in das Gebiet mit Kamera hineingeschmuggelt, um direkt mit den Menschen sprechen und deren Erfahrungen der Außenwelt zugänglich machen zu können. Von israelischer Seite war jede Einreise in das Gebiet verboten worden. Hier sitzt er rechts - links neben ihm sitzt Fakhri:

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 7


Am eindrucksvollsten habe ich folgende Aussage von Bakri empfunden: „We don’t want peace, we want freedom.“ Wir wollen keinen Frieden, wir wollen Freiheit. Damit ist viel ausgedrückt…denn Frieden in der jetzigen Situation, in der sich Palästina (das Westjordanland und Gaza) befindet, wäre blanker Hohn. Dutzende Siedlungen, ein Straßennetz nur für Siedler/Israelis, welches das Westjordanland vielfach zerteilt und eine riesige Grenzmauer, gegen die die ehemalige ‚deutsche Mauer‘ wie ein Mäuerchen erscheint, schränken die Bewegungs- und insgesamt die Lebensfreiheit der Palästinenser extrem ein.

Dass man als Leiter des Kinos und überhaupt einer der Hauptverantwortlichen des ganzen Projekts auch recht müde werden kann, hat Marcus am dritten Tag gezeigt - da lag er mit einem Mal unter einem Bäumchen im Garten und hat geschlafen:

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 7


Den zweiten Film des Tages ‚Arna’s Children‘ (Die Kinder von Arna) fand ich nochmal um einiges eindrucksvoller. Der Film berichtet über einen Zeitraum von 5-10 Jahren über die Geschichte eines Theaters, welches von der jüdischen Frau Arna und ihrem Sohn Juliano im Jeniner Flüchtlingslagers aufgebaut wurde. Anfangs skeptisch gegenüber den israelischen Personen, wurden Arna und Juliano schnell von den Kindern und ihren Eltern akzeptiert – weil sie zeigten, dass sie die Besatzung Palästinas ablehnen und sich vehement für einen freien Staat aussprechen.
Der Film zeigt, wie eine kleine Gruppe von Kindern ein Theaterstück einübt und aufführt und berichtet gleichzeitig über deren Lebenserfahrungen im Camp. Darüber hinaus springt der Film ca. fünf oder sechs Jahre weiter und berichtet, was aus den Kindern infolge der Zweiten Intifada (ab 2000) und vor allem der Zerstörung des Camps 2002 geworden ist. Das Theater musste geschlossen werden und Arna selbst ist infolge einer schweren Krebserkrankung gestorben – sie hat es sich aber nicht nehmen lassen, kurz vor ihrem Tod nochmals nach Jenin zu reisen, um von ihren Freunden dort Abschied zu nehmen.
Der Film zeigt die Auswirkungen des Krieges auf die Kinder und macht deutlich, wie ihre Entwicklung und ihre Kindheit dadurch, dass sie hier in Jenin und in diesem Umfeld leben, eingeschränkt und leider vielfach auch abrupt gestoppt wird. Drei oder vier der Kinder sind bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen. Ein anderer hat während der Kämpfe mehrere Familienmitglieder und Freunde verloren. Zudem hat er aus einem bombardierten Haus ein kleines Mädchen zu retten versucht, welches dann aber in seinen Armen verstarb. Wenige Tage nach diesem Erlebnis ist er mit einem weiteren Mann nach Tel Aviv gefahren und hat dort in einer Fußgängerpassage aus dem Auto heraus wahllos Menschen erschossen, bis er schließlich selbst von der Polizei erschossen wurde. Nun neigt man dazu, ihn als verrückten Selbstmordattentäter abzustempeln…aber ist es wirklich so einfach? Beide Vorfälle sind schrecklich…aber ich habe beim Schauen des Films festgestellt, dass man die Entwicklung dieses Mannes vielleicht nicht verstehen, aber zumindest doch teilweise nachvollziehen kann. Die traumatischen Erlebnisse haben dazu geführt, dass in ihm eine Sicherung durchgebrannt ist. Dies macht es nicht besser, was er getan hat, aber er ist eben auch nicht irgendein daher gelaufener, fundamentalistischer, verrückter Palästinenser gewesen, sondern jemand mit einer ganz eigenen persönlichen Geschichte und aus traumatischen für uns unvorstellbaren Umständen, infolge derer er schließlich in dieser schrecklichen Tat den einzigen Ausweg für sich selbst gesehen hat.

Heute existiert Arna’s Theater wiederaufgebaut an anderer Stelle als Freedom Theatre und wird von ihrem Sohn Juliano weitergeführt. Ich habe es leider noch nicht dorthin geschafft, werde aber morgen oder übermorgen mit einer Freundin von hier dorthin gehen und mir bei der Gelegenheit auch eine Kopie von ‚Arna’s Children‘ besorgen.

Nach Ende des Filmes ist eines der ‚Kinder‘ der ehemaligen Theatergruppe, Zacharia al-Zubaidi, für eine Diskussionsrunde dagewesen. Zacharia hat während der Zweiten Intifada in Jenin als Anführer der lokalen Al-Aqsa-Brigaden gegen Israel gekämpft. Dass er noch nicht gefangen genommen wurde hängt hauptsächlich damit zusammen, dass er vor einiger Zeit offiziell verkündet hat, dass er die Waffen niederlegen und sich stattdessen kulturell im Freedom Theatre engagieren würde. Hier sitzt er in der Mitte:

Von Cinema Jenin Opening Festival - Aug 7


In der Diskussion ging dieser kulturell, friedliche Aspekt dann allerdings – aus verschiedenen Gründen – etwas unter, als Zacharia bereits nach der zweiten Frage verkündete, dass er immer (auch hier) eine Waffe tragen würde. Nicht etwa, um andere zu erschießen, sondern um sicher zu gehen, dass er – sollten Israelis versuchen, ihn gefangen zu nehmen – auf jeden Fall erschossen werden würde. Danach ging es dann ähnlich militant weiter…dass sich an der Situation in Jenin seit 2002 nichts geändert hätte, dass man bewaffneten und kulturellen Widerstand verbinden könne etc. Eine recht heftige Diskussion also, während derer ein Mann vom Goethe-Institut in Ramallah aufzeigte und anmerkte, dass dieses Kino kein Ort für Waffen, sondern ein Ort des Friedens und des gewaltlosen Dialogs sein sollte. Recht hat der Mann…aber vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen Zacharias, kann man seine militante Einstellung doch (leider) nachvollziehen.

Am Abend des dritten und letzten Festivaltages gab es schließlich ein weiteres Konzert mit traditioneller, palästinensischer Musik und im Anschluss daran gab es eine kurze Show der Voluntäre, in welcher wir alle ein gemeinsames Lied gesungen haben. Unser Auftritt wurde leider durch eine Reihe von Stromausfällen immer wieder unterbrochen, bis wir am Ende ohne Soundverstärkung und Licht einfach so lautstark weitergesungen haben. Ein passendes Ende für ein wunderbares, wenn auch leicht chaotisches Eröffnungsfest :-)

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