Sonntag, 26. September 2010

Wetter, Spaß und Geschichten der Menschen hier

Das Wetter ist momentan recht gewöhnungsbedürftig hier in Jenin. Vor einer Woche waren es angenehme 27 Grad bei leichtem Wind, aber jetzt ist es seit drei Tagen so richtig schwül. Heute hängt eine tiefe Wolke hier im Tal, die – wie mir Ayman eben gesagt hat – aber nicht etwa eine normale Wolke ist, sondern eine Sandwolke. Vorgestern Abend hat es das erste Mal so richtig in Jenin geregnet – für eine halbe Stunde gab es Gewitter und Blitze zuckten über den Himmel und dann gab es fünf Minuten lang einen Regenguss. Für uns bedeutete dies, dass schnelles Handeln gefragt war, denn wir hatten eigentlich nicht vor Mitte/Ende Oktober mit Regen gerechnet und daher noch einiges Equipment draußen stehen, welches eiligst rein geräumt werden musste. Auch auf dem Dach mussten einige elektronische Teile vom LED-Screen in Tüten temporär eingepackt werden. In den nächsten Tagen werden wir nun dafür sorgen müssen, dass alles wasserdicht verstaut ist und auch einige Restarbeiten am Dach abgeschlossen werden.
Davon abgesehen habe ich die letzte Zeit wieder mal eine ganze Menge zutun gehabt, weshalb ich den Blog leider vernachlässigt habe. Ich werde mich bemühen, meine letzten drei Wochen hier wieder regelmäßiger zu schreiben, zumal ich für nächste Woche einen kleinen Trip geplant habe – Bethlehem, evtl. Jericho, Hebron, nochmal kurz Jerusalem…damit ich auch etwas mehr sehe von dem Westjordanland und auch wieder mehr zu erzählen habe!

Jetzt zu ein paar schönen Aktionen der letzten zwei Wochen: Neben der Arbeit kommt hier ab und an zum Glück auch der Spaß nicht zu kurz. So hat Habib, der kleine Sohn von Ayman, z.B. vor ein paar Tagen seinen ersten Geburtstag gefeiert und wir sind mit einigen Voluntären in ein kleines Waldgebiet gefahren, wo wir dann mit Aymans Familie den Kuchen angeschnitten und für Habib gesungen haben. Dem Kleinen hat es sichtlich gefallen – vor allem der Kuchen hat ihm so gut geschmeckt, dass er ihn sich schön ins Gesicht geschmiert hat. Hier ein paar Fotos:

Von Geburtstag von Habib

Von Geburtstag von Habib

Von Geburtstag von Habib


Hier sitzt in der Mitte mit dem blauen Kopftuch und der Brille darüber Aymans Frau Eileen und rechts daneben Aymans Mutter:
Von Geburtstag von Habib


Der stolze Papa Ayman mit seinem kleinen Buben:
Von Geburtstag von Habib


Die Bühne, die bei uns im Garten steht, wird nach der Arbeit manches Mal von einigen unser palästinensischen Voluntären in Beschlag genommen – dann heißt es: Musik an und Dabke, der traditionelle palästinensische Tanz, wird getanzt. Ich habe es dabei noch nicht über einen banalen Grundschritt hinaus gebracht…aber vielleicht lasse ich mir noch ein bisschen mehr davon zeigen. Einen Abend war auch Habib mit beim Tanzen dabei und ist von Amjad mitten ins Geschehen getragen worden – er hatte mächtig Spaß dabei:

Von Konzert von Wallaat und Tanzen mit Habib

Von Konzert von Wallaat und Tanzen mit Habib

Von Konzert von Wallaat und Tanzen mit Habib

Von Konzert von Wallaat und Tanzen mit Habib

Von Konzert von Wallaat und Tanzen mit Habib


Für die Kinder hier haben wir immer mal wieder spezielles Programm im Garten – wie z.B. Gesichter anmalen, spezielle Musikauftritte für die Kleinen oder auch Auftritte von Clowns. Neben der Gruppe, die schon bei der Eröffnung da gewesen ist, war vor ein paar Tagen auch ein Clown aus Deutschland zu Gast: Der Freund von Clara, Andi, ist zu Hause nämlich quasi professionell Clown – eigentlich mehr für Erwachsene, aber für Kinder hat er es auch ganz hervorragend gut hingekriegt.
Und das ist gar nicht einfach gewesen, denn alle wollten gleichzeitig mit ihm reden und als er dann auch noch lange Luftballons herausgeholt und angefangen hat, daraus Tiere zu zaubern, musst er ersteinmal für Ordnung zwischen den Kindern sorgen – fünf Minuten hat es gedauert und plötzlich stand eine ganze Gruppe palästinensischer Kinder in Reih‘ und Glied vor ihm!

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown


Schön in der Reihe stehen - und wenn einer nicht wollte, hat Andy ihm klipp und klar gemacht, dass er einen Ballon nur dann erhält, wenn er sich hinten anstellt:

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown


Die Kinder haben sich vorher auch im Gesicht bemalen lassen und wollten UNBEDINGT von mir fotografiert werden :-)

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown

Von Kinderspaß mit Andy dem Clown


Da fällt mir gerade noch etwas Interessantes ein: Von Allam, dem Besitzer der Cafeteria bei uns im Kinogarten habe ich ja schon mehrfach erzählt. Ein paar Tage nach Eid – dem Fest nach Ramadam – hat Allam Marleen und mich abends eingeladen, um uns zu zeigen, wie er Knefe macht. Das ist eine köstlich schmeckende Süßigkeit, die ich schon aus dem Libanon kenne. Dabei wird in einer großen Pfanne zunächst Kokosfett flüssig gemacht, darüber kommen dann so eine Art ganz, ganz dünne Nudeln – die sehen etwas so aus wie chinesische Glasnudeln sind aber aus ganz normalem, etwas gesüßtem Nudelteig. Und darüber kommt schließlich noch ein spezieller Käse aus der Region hier – das ist so ein säuerlicher Käse, der dann über den ‚Nudelstreifen‘ zerläuft. Das alles muss dann in der Pfanne eine Viertelstunde lang über der Gasflamme gedreht werden, bis der Käse zerlaufen ist. Dann wird eine zweite Pfanne drüber gelegt und das Ganze auf den Kopf gestellt, so dass es in die zweite Pfanne plumpst. Am Ende wird noch ordentlich Zuckerwasser drüber geschüttet und Voilá: Der/die/das Knefe ist fertig!

Von Knefe machen mit Allam

Von Knefe machen mit Allam

Von Knefe machen mit Allam


Unterstützung gibts von Marleen und mir und natürlich Allams Familie: seine Frau und seine drei Töchter Reema, Nuar und Rawand:

Von Knefe machen mit Allam

Von Knefe machen mit Allam


Letzte Woche Dienstag habe ich mit Philipp einen Tag ‚Urlaub‘ gemacht und wir sind in eine Park-Oase in Israel – ca. eine Stunde von hier, nördlich – gefahren. Die Fahrt dorthin war interessant: Wir mussten erst mit einem Taxi von Jenin bis zum Checkpoint im Norden in dem Dorf Jalameh. Da fährt man nur fünf Minuten hin. Dann mussten wir aus dem Taxi raus – denn palästinensische Taxis dürfen natürlich nicht nach Israel. Da wir aber auch nicht zu Fuß den Checkpoint durften, mussten wir Autofahrer bitten, ob sie uns nicht mitnehmen. Ein älterer Herr verneinte, dann aber haben wir einen jungen Palästinenser angesprochen, der kurz mit jemand anders darüber sprach und uns dann ins Auto genommen hat. Er wohnt in Nazareth – also innerhalb Israels – weshalb er auch einen israelischen Pass hat und somit ein israelisches Nummernschild am Auto tragen darf. Mit ihm im Auto sind wir dann bis zum Checkpoint gefahren, wo wir alle aussteigen und in ein Gebäude gehen mussten, wo unsere Pässe und Gepäck geprüft wurden. Währenddessen ist draußen der Wagen durchsucht worden. Wir hatten etwas Glück, denn manchmal kann diese Prozedur eine Stunde oder länger dauern – bei uns waren es aber nur ca. 30 Minuten. Dann ging es auf der anderen Seite weiter und wir sind bis nach Afula, dem ersten größeren Dorf nördlich von Jenin/der Westbank gefahren. Die Prozedur mit dem Checkpoint muss unser Fahrer jeden Tag machen – denn er wohnt zwar in Nazareth, studiert aber an der Arab-American University in Jenin. Auf die Frage warum er nicht in Israel studiert meinte er, dass es zu schwierig sei für Palästinenser, an eben den Unis in Israel zu studieren.
In der Park-Oase namens Gan Hashlosha war es dann auch sehr schön – künstlich angelegte Seen mit blau schimmerndem Wasser, umrandet mit Palmen und Bäumen und großen Wiesenanlagen. Allerdings hatten wir einerseits nur drei-vier Stunden, bevor wir wieder zurück mussten, da der Checkpoint zwischen 18 und 19 Uhr schließt. Und andererseits war es ein komisches Gefühl, so ganz unbeschwert dort zu liegen…interessanterweise waren aber auch einige muslimische Familien dort und haben sich gesonnt bzw. gebadet. Bei der ganzen Entspannung dort habe ich es ganz vergessen, Fotos zu machen...

Ich habe ja schon einige Male darüber geschrieben, dass ich durch meinen längeren Aufenthalt hier, auch die Erfahrungen der Menschen hier mit dem Leben unter Besatzung und gewissermaßen in einem ständigen Ausnahmezustand schon recht direkt mitkriege – über Gespräche, aber auch durch eben das Erleben von Checkpoints oder den Düsenjets, die über die Stadt brettern und ab und an auch die Schallmauer durchbrechen, was einen lauten, dumpfen Knall zur Folge hat. Einmal hat sogar unser Haus leicht vibriert… Über ein paar Geschichten der Menschen hier möchte ich kurz berichten:

Insbesondere während der zweiten Intifada ab 2000 hatte Jenin den ‚Ruf‘ als Terroristenstadt und Zentrum der Selbstmordattentäter – insbesondere aus dem Flüchtlingslager und einigen kleinen Dörfern direkt bei Jenin sind dutzende Attentäter hergekommen. Dies hatte zur Folge, dass die israelische Armee 2002 in das Flüchtlingslager eingezogen ist und dieses sowie große Teile der Stadt zerstört hat. Davon habe ich ja schonmal kurz geschrieben. Ein Freund aus unserem Team hat mir dazu vor einiger Zeit erzählt, dass er und seine Familie während des ‚Battles of Jenin‘ (der Schlacht von Jenin) über zwanzig Tage in deren Haus eingeschlossen waren. Es war eine Ausgangssperre über die Region verhängt worden von der Armee. Und nicht nur er und seine Familie, sondern auch viele Verwandte aus dem Lager waren im Haus und hielten sich versteckt. Als der Freund von mir versuchte, vor die Tür zu treten, hat innerhalb weniger Minuten sofort ein Scharfschütze vor ihm in den Sand geschossen. Wie haben sie diese lange Zeit überstanden? Mit Nahrungsmitteln, die sie in Konserven eigentlich immer im Keller lagern, sowie einem kleinen Brunnen. Er hat erzählt, dass sie auch heute noch viele, viele Konserven im Keller haben – denn man könne ja nie wissen, was die Zukunft bringt.
Eine andere Geschichte: Ayman, der Guesthouse-Manager, unser Koch hier, der köstliche Mittagessen zaubert und der Vater von dem niedlichsten Baby der Region (ja, genau, Habib!), hat mir vor einiger Zeit auf eine Frage hin erzählt, weshalb er eigentlich so gut kochen kann. Seine Familie mütterlicherseits lebt im Libanon. Als dort 1982 der Krieg auch mit Israel entbrannt war, musste seine Mutter zurück dorthin reisen und für die Familie dort sorgen, da ihre Eltern und ein Bruder dem Krieg zum Opfer gefallen waren. Die drei Brüder von Ayman sind zu der Zeit im Gefängnis gewesen und sein Vater musste den ganzen Tag (als Lehrer) arbeiten. Also blieb nur noch der damals zwölfjährige Ayman übrig, der für seine kleinen Schwestern sorgte, zu kochen lernte und so den Haushalt schmiss…
Und noch eine kleine Geschichte: Als ich vor einiger Zeit mit Amjad und Tariq nach einem Besuch in einem Coffee-Shop durch die Straßen von Jenin zog, erzählte mir Amjad plötzlich an einer Kreuzung mit einem Grinsen im Gesicht, dass er dort vor vier Jahren mit Steinen auf israelische Panzer geworfen hat. Den Jugendlichen/jungen Erwachsenen hier sind der Krieg, die regelmäßigen Ausschreitungen und der ganze Konflikt so sehr präsent – das ist für uns ‚Ausländer‘ wirklich schwer nachzuvollziehen.

So, das soll für heute genügen. Ich muss jetzt raus und arbeiten. Lieben Gruß und Salam!

P.S.: Von den Ausschreitungen, die es vor ein paar Tagen in Jerusalem gegeben hat, haben wir hier überhaupt nichts mitgekriegt. Es sind zwar für einige Tage die Checkpoints geschlossen worden, so dass kein Palästinenser aus dem Westjordanland raus und auch niemand mehr rein konnte, aber das lag nicht an den Ausschreitungen sondern daran, dass in Israel Feiertage gewesen sind – erst Jom Kippur und dann Sukkot – und an den Feiertagen wird meistens das komplette Westjordanland abgeriegelt…als Besatzungsmacht kann man’s ja machen…und wer fragt hier schon noch nach Legalität???

P.P.S.: Zu aller Letzt noch ein Foto – darauf ist Philipp zu sehen, wie er an der Straße neben der Park-Oase versucht, für uns eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, die uns nach Afula fährt. Clara hatte uns nämlich zuvor vorgeschwärmt, wie einfach es sei, mit Leuten hier mitzufahren. Tja, das ist es vielleicht für blonde Frauen…zwei dunkelhaarige Männer haben es da, wie wir feststellen musste, nicht so leicht. Zum Glück kam nach 10 Minuten der Bus, der dann auch uns mitgenommen hat!

Von Bilder aus Jenin und Guesthouse

Sonntag, 12. September 2010

Besuch bei Mahmoud in Mirki, Al-Eid und Projektionsräume

Die letzten Tage waren intensiv! Am Donnerstag war der letzte Tag von Ramadan, dem islamischen Fastenmonat, und die Tage davor waren echt verrückt. Da die Menschen tagsüber nichts, aber auch fast rein gar nichts tun (außer vielleicht schlafen oder Fernsehen schauen), verläuft das ganze Leben während Ramadan eigentlich des Nachts ab – Einkaufen, sich Treffen, Kaffee und Tee trinken, plaudern etc. all das verschiebt sich auf die Abend- und Nachtstunden. Der Höhepunkt dieser Nachtaktivitäten sind die Tage kurz vor Ende vom Ramadan, woran sich dann nämlich Al-Eid – ein Fest, ähnlich wichtig wie für uns z.B. Weihnachten – anschließt.
Die Tage vor Eid werden Geschenke gekauft, sich die Haare geschnitten, neue Klamotten besorgt und überhaupt alles Mögliche geplant – denn während Eid gehört es sich, sämtliche Verwandten zu besuchen und das muss natürlich koordiniert werden. Die Straßen von Jenin sind insbesondere während der drei-vier Tage vor Eid brechend voll gewesen – man konnte sich kaum drauf entlang bewegen, ganz zu schweigen von den Autos, die fast vergeblich versucht haben, darauf zu fahren. Ich bin die Tage mit einigen Freunden – insbesondere Amjad, von dem ich ja schon erzählt hatte, und Tariq, der Sohn von Allam – durch die Stadt gezogen. Das machen die Jugendlichen hier nämlich vor Eid ganz besonders gerne – einfach von Geschäft zu Geschäft ziehen, gucken was man gerne kaufen würde (auch wenn man sich nur einen kleinen Teil davon leisten kann) und dutzende Freunde in den verschiedensten Läden besuchen.

Ein paar Tage vor Eid bin ich mit Mahmoud – einem Voluntär von hier – in sein Dorf Mirki, ein paar Kilometer außerhalb Jenins, gefahren, da er mich zum Iftar, dem Fastenbrechen nach einem langen Tag ohne Speis oder Trank, eingeladen hat. Iftar bedeutet übersetzt eigentlich Frühstück – hört sich komisch an, ist es aber eigentlich nicht: Denn das Abendessen ist ja in der Tat das erste Essen an dem Tag. Die meisten Menschen hier gehen sehr spät ins Bett – in den frühen Morgenstunden – und essen vor dem Schlafengehen noch etwas. Dann steht man erst Mittags oder Nachmittags auf, so dass das eigentliche Fasten auf nur ein paar wenige Stunden verkürzt wird. Beim Iftar bei Mahmoud gab es wieder typisch palästinensisches bzw. nahöstliches Essen: d.h. gewürzter Reis mit Fleisch, Kibbeh (Hackfleischbällchen mit Pinienkernen gefüllt), verschiedene Suppen und natürlich das arabische Brot. Ich bin nach dem Essen in Mirki geblieben und habe die Nacht dort verbracht. Der Abend war sehr interessant, denn ich habe einen Großteil der Familie – und damit auch einen Teil der familiären Problemchen kennengelernt: Mahmouds Familie wohnt in Mirki mit seinen fünf Brüdern und drei Schwestern, das aber eigentlich nur zu Ramadan, um Verwandte zu besuchen und so. Eigentlich wohnen alle in Ramallah, wo Mahmouds Vater in einer Bank arbeitet und wo sie, wie Mahmoud sagt, in einem viel schöneren Haus leben. Ich fand das Haus in Mirki sehr nett – recht rustikal und einfach eingerichtet, aber dafür mit Garten und vielen Tieren (Hühnern, Schafen, Hasen, Esel…). Im selben Haus in einem Hinterzimmer wohnt Mahmouds Oma väterlicherseits, die ihn, wann immer sie sieht, fragt, warum er nicht schon verheiratet ist und ihr mehr Enkelkinder ‚geschenkt‘ hat. Bei einem Spaziergang durch die Stadt haben wir dann verschiedene weitere Verwandte – Onkel, Tanten, Cousins… - passiert, darunter einen Onkel, mit dem Mahmoud vor einiger Zeit einen Riesenstreit hatte: Der Onkel ist Sheikh (oder so) in einer Moschee in Mirki und ihm passt es scheinbar gar nicht, dass Mahmoud kein sonderlich religiöses Leben führt…

Hier ist links das Haus von Mahmoud zu sehen:

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Am Tag danach bin ich – nach einem kurzen Abstecher nach Jenin – wieder nach Mirki gefahren, aber diesmal mit drei weiteren Deutschen (Marleen, Johanna und Robert) und einer Amerikanerin (Mara), auch alles Voluntäre hier bei Cinema Jenin. Während die Frauen zusammen mit Mahmouds Mutter und Schwestern kurz nach der Ankunft in der Küche verschwunden waren, sind Robert, Mahmoud und ich durch die Stadt und auf einen Olivenhügel gelaufen, der fast gänzlich seinem Vater gehört. Überhaupt hat man von dort einen schönen Blick auf Mirki und die Landschaft drum herum gehabt.

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Mahmoud zeigt Robert und mir bis wohin die Felder seines Vaters reichen:

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Eine original palästinensische Vogelscheuche:

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Besonders fasziniert bin ich von den unzähligen Olivenbaumfelder in Palästina. Viele von diesen sind steinalt...wie man bspw. auf diesem Foto sieht, denn so langsam wie Olivenbäume wachsen, muss der hier mindestens hundert Jahre alt sein:

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Olivenbäume vor der Stadt Mirki:

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Mahmouds Bruder Mahmoud und die Mädels begrüßen uns vom Dach:

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Nach unserem Ausflug gab es dann erneut ein sehr leckeres Essen - hier ein Foto:

Von Ausflug nach Mirki mit Mahmoud


Die letzten Tage habe ich nun damit verbracht, mir von Franz – einem netten Kerl, unserem deutschen Projektionisten – zeigen zu lassen, wie man den 35mm-Projektor und den digitalen Projektor im Kino und draußen im Projektionshäuschen im Garten bedient. Franz fährt nämlich morgen für einen Monat nach Deutschland und in der Zwischenzeit übernehme ich dann quasi seine Position – zusammen mit Clara, die die ganzen Dinge auch lernt, so dass wir uns damit abwechseln können. Allerdings werden wir das nicht alles machen, sondern vielmehr dafür da sein, zwei Palästinenser, Imad und Hussein, zu unterstützen beim Filmeinlegen usw. Die beiden haben bereits vor einigen Jahrzehnten im ‚alten‘ Kino als Projektionisten gearbeitet – Imad ca. 15 Jahr und bei Hussein weiß ich es nicht genau. Das Kino ist in den 1960ern gebaut worden, hat sich dann zu einem der größten, beliebtesten Kinos des Westjordanlandes entwickelt und musste aber mit dem Ausbruch der ersten Intifada seine Türen schließen – das war 1987.

Mir fällt gerade ein, dass ich ja ganz und gar nichts von meinem Ausflug nach Jerusalem vor ein paar Wochen geschrieben habe. Das ist schon einen Monat her…meine Güte… Naja gut, aber ein paar Zeilen kann ich ja schreiben :-) Also, ich bin zusammen mit Marco, Clara und Julia nach der Eröffnung des Kinos für vier Tage in Jerusalem gewesen, wo wir die ganz normale Touristentour gemacht haben. Also sprich: In der Altstadt in einem Hostel geschlafen und dann den Tempelberg, die Klagemauer, die gesamte Altstadt etc. angeschaut.

Eine Einkaufsgasse in der Altstadt Jerusalems:

Von Reise nach Jerusalem


Panorama von drei der berühmtesten Orte in Jerusalem: links der Felsendom, darunter rechts die Klagemauer und oben rechts die Al-Aqsa-Moschee (bitte aufs Bild klicken, um eine größere Version zu sehen):

Von Reise nach Jerusalem


Und hier ein paar Close-Ups von dem Felsendom - ein wunderschöner Bau:

Von Reise nach Jerusalem

Von Reise nach Jerusalem

Von Reise nach Jerusalem

Von Reise nach Jerusalem


Das ist schon sehr verblüffend, wie dort auf engstem Raum, einige der heiligsten Stätten von Christentum, Islam und Judentum zusammenstehen – und auch, wie orthodoxe Juden, gläubige Muslime auf dem Weg zur Moschee und Christen auf dem ‚Kreuzigungspfad‘ Jesu mit einem Holzkreuz durch die Gassen laufen. Auch als nicht äußerst religiöser Mensch, ist es schon sehr ergreifend…auch wenn ich sagen muss, dass bspw. der Felsendom wesentlich faszinierender aussieht als die Klagemauer, die halt nur aus dicken, wenn auch alten Steinen besteht.

Hier ein Panoramablick von oben auf die Altstadt - rechts am Rand ist die Kirche zu sehen, in welcher sich die Grabeskirche befindet:

Von Reise nach Jerusalem

Von Reise nach Jerusalem


Hier einige Fotos vom Inneren der Kirche - zunächst die besagte Grabeskirche, also der Ort, wo Jesus zur Grabe getragen wurde und von wo er aufgestanden ist:

Von Reise nach Jerusalem

Von Reise nach Jerusalem

Von Reise nach Jerusalem

Von Reise nach Jerusalem


Die letzte Nacht haben wir bei Neta verbracht – eine Freundin von mir, die ich in Neuseeland kennengelernt habe, und zwar während wir dabei waren von einem Vulkan im Tongariro Nationalpark herunterzusteigen. Sie studiert in Jerusalem und wohnt dort in einer netten, geräumigen WG. Wir haben den Abend schön zusammen gekocht und sind danach bei einer Freundin von ihr gewesen, die eine große Dachterrasse hat. In Jerusalem ist er übrigens merklich kälter gewesen als in Jenin, vor allem nachts, denn wogegen abends in Jenin eine schwüle Hitze herrscht, windet es in Jerusalem ordentlich und dazu noch recht kühl, da die Stadt auf 800m oder so liegt. Dabei fällt mir noch eine Sache ein – bei der Fahrt von Jenin nach Jerusalem mussten vor nach Ramallah durch einen großen Checkpoint. Dort müssen alle Palästinenser aussteigen und durch eine Passkontrolle – wir sind mit durchgegangen, obwohl wir als Europäer auch hätten im Bus sitzen bleiben können. Direkt am Checkpoint sieht man auch die ‚Mauer‘, welche von Israel in den letzten Jahren errichtet wurde. Kurz vor dem Übergang steht darauf in großen Graffiti-Buchstaben geschrieben: „One wall, two jails.“ (Eine Mauer, zwei Gefängnisse) Wie passend…auch wenn, wie ich sagen muss, Palästina mehr Gefängnis ist als Israel – die Bewegungs- und Lebensfreiheit der Menschen hier ist durch zahlreiche Beschränkungen extrem limitiert - ganz zu schweigen von den Problem, Visa für westliche Staaten zu erhalten…

So, jetzt haben wir gleich noch ein Gruppentreffen im Garten. Leider sehr spät, aber es ging nicht anders einzurichten, da wir momentan sechs Filme am Tag zeigen – es ist Eid und die Menschen haben Zeit. Ich habe dabei eifrig mit eingelegt – sowohl DVD als auch echten 35mm-Film. Ein tolles Gefühl, nach dem Einlegen das Licht im Saal auszuschalten, den Kippschalter umzulegen und dem Knattern des Projektors zuzuhören, während auf der Leinwand der Film anläuft!

Salam,
Daniel

P.S.: Vor zwei Tagen ist Abends einer unser palästinensischen Voluntäre ins Büro gekommen, hielt eine kleine israelische Flagge in der Hand und fragt nach einem Feuerzeug. Ich hatte keins – bin ja Nichtraucher – habe ihm aber gebeten, er möge sie bitte nicht hier verbrennen, das würde zu sehr stinken…

P.P.S.: Ein weiteres Panorama vom Felsendom, im Hintergrund der Ölberg und rechts die Al-Aqsa-Moschee:

Von Reise nach Jerusalem

Samstag, 4. September 2010

Alltag, Ausflug und palästinensische Folklore

Schon wieder ist es eine Woche her, dass ich geschrieben habe. Dabei wollte ich mich ja darum bemühen, endlich wieder regelmäßiger zu schreiben. Die Tage vergehen hier einfach viel zu schnell wie im Fluge – es gibt immer Diskussionen, Gespräche mit den Teamleuten, dann natürlich die Arbeit am Computer, zwischendurch kleine Pausen, abends schließlich Programm im Garten hinter dem Kino. Zurzeit zeigen wir eine beliebte Ramadan Serie mit dem Namen Bab al-Hara, die in Syrien während der französisschen Mandatszeit (also Anfang 20. Jahrhundert) spielt, mittlerweile in der fünften Staffel läuft und von den Menschen hier geliebt wird. Ich setze mich abends dann meistens in den Garten zu Allam’s Cafeteria, bestelle etwas zu Essen (besonders gut ist das gegrillte Hühnchenfleisch!) und unterhalte mich mit ihm und den anderen Volunteers.

Ganz zu Anfang eine mittlerweile schon etwas ältere Neuigkeit, die ich hier aber noch gar nicht geschrieben habe: Und zwar habe ich meinen Aufenthalt hier verlängert und fliege nun statt am 26.9 erst am 15. Oktober wieder nach Deutschland. Es hat sich hier ergeben, dass es ganz schön wäre, wenn ich länger bleibe – zumal mir meine Arbeit hier ja auch sehr viel Spaß macht und es nach wie vor viel zu tun gibt. Momentan arbeite ich an der Aktualisierung der Info-Broschüre von Cinema Jenin. Die wird nämlich dringend in Deutschland benötigt, wo Marcus und andere intensiv dabei sind nach neuen Sponsoren zu suchen. Darüber hinaus bemühe ich mich darum, dass über Cinema Jenin in verschiedenen Magazinen und Online-Portalen berichtet wird: z.B. werden wir in das Magazin ‚This Week in Palestine‘ aufgenommen, welches hier in der Region, unter NGOs, bei Expatriates (also Palästinensern außerhalb Palästinas) beliebt ist. Dafür werde ich morgen/übermorgen einen Artikel über uns schreiben. Zudem haben wir Kontakt zu Democracy Now! Aufgenommen – einem sehr bekannten Online-News-Portal aus den USA und zu verschiedenen anderen Publikationen.

Was die Planungsvorgänge im Kino angeht steht momentan das Fest nach Ramadan – Eid ab dem 9. oder 10. September – im Mittelpunkt der Anstrengungen. Das sind drei Tage, während denen die gesamte Stadt, ja die gesamte Region hier am Feiern ist und ganz Jenin voll sein wird von Menschen auch aus den Dörfern außerhalb. Eine ganz große Chance also für unser Kino! Wir planen ein breites Filmprogamm innerhalb des Kinos und ein Konzert- und Veranstaltungsprogramm draußen im Garten. Dieses werden wir in ein paar Tagen groß mit Plakaten, Flyern etc. bewerben. Dazu schreibe ich dann mehr, wenn es soweit ist!

Was ist die letzten Tage sonst so passiert…? Ende letzter Woche ist eine kleine Delegation aus Bielefeld bei uns im Kino gewesen und hat sich von Ma’moun (einem palästinensischen Volunteer, der seit Anfang an im Team ist und jetzt für Programmplanung zuständig ist) und mir eine Führung geben lassen. Danach gab es eine Stadtführung durch Jenin. Die Delegation möchte in Bielefeld für eine Städtepartnerschaft mit einer palästinensischen Stadt werden. Momentan ist neben Jenin noch Jericho ‚im Rennen‘, aber da die Leute sehr begeistert gewesen sind von dem Kinoprojekt und der Stadt insgesamt, denke ich, dass Jenin gute Chancen hat!

Gestern bin ich nach dem Mittagessen mit Mara – einer amerikanischen Voluntärin – ein wenig durch die Stadt gelaufen, wobei wir bis ins Flüchtlingslager von Jenin gewandert sind. Dieses geht, wie ich ja schonmal erzählt hatte, direkt in die Stadt über – es gibt keinen besonderen ‚Eingang‘ und man merkt eigentlich nur an den engeren Straßen, dass man im Camp ist. Dort waren wir nur kurz – ich habe Mara gezeigt wo das Freedom Theatre ist und dann sind wir auch schon wieder zurück gegangen. Auf dem Weg sind uns einige Kinder entgegen gelaufen, die laut ‚Schalom‘ gerufen haben – also quasi das hebräische ‚Moin‘. Wir habe mit „Arabi, arabi“ geantwortet worauf sie dann gefragt haben „Aah, btehki arabi, ok“ (Oh, du sprichst arabisch, ok). Warum machen die Kinder das? Sie wollen damit im Grunde testen, ob wir Hebräisch sprechen und Israelis sind. Nicht, dass sich solche hier überhaupt noch aufhalten würden (abgesehen von Soldaten ab und an bei nachts natürlich)…aber gerade im Camp haben es sich die Kinder scheinbar angewöhnt, bei Ausländern erst einmal zu checken, ob sie Hebräisch sprechen.
Interessant ist, dass viele der erwachsenen Palästinenser hier entweder Hebräisch sprechen oder es Lernen, z.B. damit sie sich – falls notwendig – mit den Soldaten verständigen können. Amjad hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass er nicht nur sein Englisch verbessern, sondern eben auch Ivrit (Hebräisch) lernen möchte. Warum? „Es ist die Sprache des Feindes und wir müssen in der Lage sein zu verstehen, was er über uns schreibt.“

Vorgestern bin ich mit Philipp, Anne und Clara zu Besuch gewesen bei Orwa, auch ein Volunteer, der in einem Dorf namens Maithalun ca. 15 km außerhalb von Jenin wohnt. Was wir nicht wussten: Orwa wollte uns unbedingt auf den höchsten ‚Berg‘ (also Hügel) um Jenin führen und uns von da aus den Sonnenuntergang zeigen. An sich eine sehr schöne Idee – in der Ausführung für uns dann aber recht beschwerlich, da wir alle nur Flip-Flops anhatten. Aber gut, wir haben uns bemüht und ‚schway schway‘ (arabisch für ‚langsam, langsam‘) ging es dann den Hügel hoch.

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Anne und Clara:
Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Beim Aufstieg hatte man eine wunderschöne Sicht auf das Tal und Orwas Dorf (wie bei allen Panoramas - einfach auf das Bild klicken, dann gibt's eine größere Version!):
Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Oben angekommen haben wir schließlich einen wirklich atemberaubenden Sonnenuntergang gesehen!

Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Der Weg nach unten war dann nochmal um einiges abenteuerlicher – etwas rutschig, immer dunkler werdend und in Flip-Flops. Keine sonderlich schlaue Kombination, aber wir sind heil unten angekommen :-) Danach gab es bei dem Cousin von Orwa Abendessen, und zwar etwas traditionell Palästinensisches: Hühnchen auf gewürztem Reis, zu dem eine Joghurtsuppe gereicht wird, die man mit dem Reis vermischt. Sehr lecker!

Von Besuch bei Orwa in Maithalun


Ach ja, eine weitere Sache gibt’s noch zu erzählen, bevor ich für heute aufhöre zu schreiben: Am letzten Wochenende hatten wir ein großes Konzert bei uns im Garten von palästinensischen Tanz- und Gesangsgruppen aus Ramallah, die jährlich in Jenin auftreten – und sich dieses Mal für unseren Garten als Veranstaltungsort entschieden haben!

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Der Garten war voll!
Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Die Gruppen haben traditionelle palästinensische Folklore aufgeführt und wurden bei ihrem Tanz von Live-Gesang und einem Oud-Spieler begleitet. Letzteres ist eine typisch arabische Art der ‚Gitarre‘, die z.B. auch von dem Trio Joubran gespielt wird, welches ja bei der Eröffnung hier war.

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Neben den Gesang gab es auch eine theatralische Aufführung, wobei symbolisch das Erleben von Bombardierung, Steine werfen, Gefechten und vor allem auch der Tod eines Menschen und eine Totenprozession aufgeführt wurden.

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten

Von Traditionelles Konzert im Garten


Das hat mich nach dem ganzen Tanz und Gesang recht nachdenklich gestimmt, denn solche schauspielerischen Darbietungen führen einem ganz deutlich vor Augen, wie tief die Erfahrung von Unterdrückung, Krieg, Leid und Tod in der palästinensischen Psyche verankert sind.

Aber nun gut, das soll für heute genügen. Salam!