Das Wetter ist momentan recht gewöhnungsbedürftig hier in Jenin. Vor einer Woche waren es angenehme 27 Grad bei leichtem Wind, aber jetzt ist es seit drei Tagen so richtig schwül. Heute hängt eine tiefe Wolke hier im Tal, die – wie mir Ayman eben gesagt hat – aber nicht etwa eine normale Wolke ist, sondern eine Sandwolke. Vorgestern Abend hat es das erste Mal so richtig in Jenin geregnet – für eine halbe Stunde gab es Gewitter und Blitze zuckten über den Himmel und dann gab es fünf Minuten lang einen Regenguss. Für uns bedeutete dies, dass schnelles Handeln gefragt war, denn wir hatten eigentlich nicht vor Mitte/Ende Oktober mit Regen gerechnet und daher noch einiges Equipment draußen stehen, welches eiligst rein geräumt werden musste. Auch auf dem Dach mussten einige elektronische Teile vom LED-Screen in Tüten temporär eingepackt werden. In den nächsten Tagen werden wir nun dafür sorgen müssen, dass alles wasserdicht verstaut ist und auch einige Restarbeiten am Dach abgeschlossen werden.
Davon abgesehen habe ich die letzte Zeit wieder mal eine ganze Menge zutun gehabt, weshalb ich den Blog leider vernachlässigt habe. Ich werde mich bemühen, meine letzten drei Wochen hier wieder regelmäßiger zu schreiben, zumal ich für nächste Woche einen kleinen Trip geplant habe – Bethlehem, evtl. Jericho, Hebron, nochmal kurz Jerusalem…damit ich auch etwas mehr sehe von dem Westjordanland und auch wieder mehr zu erzählen habe!
Jetzt zu ein paar schönen Aktionen der letzten zwei Wochen: Neben der Arbeit kommt hier ab und an zum Glück auch der Spaß nicht zu kurz. So hat Habib, der kleine Sohn von Ayman, z.B. vor ein paar Tagen seinen ersten Geburtstag gefeiert und wir sind mit einigen Voluntären in ein kleines Waldgebiet gefahren, wo wir dann mit Aymans Familie den Kuchen angeschnitten und für Habib gesungen haben. Dem Kleinen hat es sichtlich gefallen – vor allem der Kuchen hat ihm so gut geschmeckt, dass er ihn sich schön ins Gesicht geschmiert hat. Hier ein paar Fotos:
Hier sitzt in der Mitte mit dem blauen Kopftuch und der Brille darüber Aymans Frau Eileen und rechts daneben Aymans Mutter:
Der stolze Papa Ayman mit seinem kleinen Buben:
Die Bühne, die bei uns im Garten steht, wird nach der Arbeit manches Mal von einigen unser palästinensischen Voluntären in Beschlag genommen – dann heißt es: Musik an und Dabke, der traditionelle palästinensische Tanz, wird getanzt. Ich habe es dabei noch nicht über einen banalen Grundschritt hinaus gebracht…aber vielleicht lasse ich mir noch ein bisschen mehr davon zeigen. Einen Abend war auch Habib mit beim Tanzen dabei und ist von Amjad mitten ins Geschehen getragen worden – er hatte mächtig Spaß dabei:
Für die Kinder hier haben wir immer mal wieder spezielles Programm im Garten – wie z.B. Gesichter anmalen, spezielle Musikauftritte für die Kleinen oder auch Auftritte von Clowns. Neben der Gruppe, die schon bei der Eröffnung da gewesen ist, war vor ein paar Tagen auch ein Clown aus Deutschland zu Gast: Der Freund von Clara, Andi, ist zu Hause nämlich quasi professionell Clown – eigentlich mehr für Erwachsene, aber für Kinder hat er es auch ganz hervorragend gut hingekriegt.
Und das ist gar nicht einfach gewesen, denn alle wollten gleichzeitig mit ihm reden und als er dann auch noch lange Luftballons herausgeholt und angefangen hat, daraus Tiere zu zaubern, musst er ersteinmal für Ordnung zwischen den Kindern sorgen – fünf Minuten hat es gedauert und plötzlich stand eine ganze Gruppe palästinensischer Kinder in Reih‘ und Glied vor ihm!
Schön in der Reihe stehen - und wenn einer nicht wollte, hat Andy ihm klipp und klar gemacht, dass er einen Ballon nur dann erhält, wenn er sich hinten anstellt:
Die Kinder haben sich vorher auch im Gesicht bemalen lassen und wollten UNBEDINGT von mir fotografiert werden :-)
Da fällt mir gerade noch etwas Interessantes ein: Von Allam, dem Besitzer der Cafeteria bei uns im Kinogarten habe ich ja schon mehrfach erzählt. Ein paar Tage nach Eid – dem Fest nach Ramadam – hat Allam Marleen und mich abends eingeladen, um uns zu zeigen, wie er Knefe macht. Das ist eine köstlich schmeckende Süßigkeit, die ich schon aus dem Libanon kenne. Dabei wird in einer großen Pfanne zunächst Kokosfett flüssig gemacht, darüber kommen dann so eine Art ganz, ganz dünne Nudeln – die sehen etwas so aus wie chinesische Glasnudeln sind aber aus ganz normalem, etwas gesüßtem Nudelteig. Und darüber kommt schließlich noch ein spezieller Käse aus der Region hier – das ist so ein säuerlicher Käse, der dann über den ‚Nudelstreifen‘ zerläuft. Das alles muss dann in der Pfanne eine Viertelstunde lang über der Gasflamme gedreht werden, bis der Käse zerlaufen ist. Dann wird eine zweite Pfanne drüber gelegt und das Ganze auf den Kopf gestellt, so dass es in die zweite Pfanne plumpst. Am Ende wird noch ordentlich Zuckerwasser drüber geschüttet und Voilá: Der/die/das Knefe ist fertig!
Unterstützung gibts von Marleen und mir und natürlich Allams Familie: seine Frau und seine drei Töchter Reema, Nuar und Rawand:
Letzte Woche Dienstag habe ich mit Philipp einen Tag ‚Urlaub‘ gemacht und wir sind in eine Park-Oase in Israel – ca. eine Stunde von hier, nördlich – gefahren. Die Fahrt dorthin war interessant: Wir mussten erst mit einem Taxi von Jenin bis zum Checkpoint im Norden in dem Dorf Jalameh. Da fährt man nur fünf Minuten hin. Dann mussten wir aus dem Taxi raus – denn palästinensische Taxis dürfen natürlich nicht nach Israel. Da wir aber auch nicht zu Fuß den Checkpoint durften, mussten wir Autofahrer bitten, ob sie uns nicht mitnehmen. Ein älterer Herr verneinte, dann aber haben wir einen jungen Palästinenser angesprochen, der kurz mit jemand anders darüber sprach und uns dann ins Auto genommen hat. Er wohnt in Nazareth – also innerhalb Israels – weshalb er auch einen israelischen Pass hat und somit ein israelisches Nummernschild am Auto tragen darf. Mit ihm im Auto sind wir dann bis zum Checkpoint gefahren, wo wir alle aussteigen und in ein Gebäude gehen mussten, wo unsere Pässe und Gepäck geprüft wurden. Währenddessen ist draußen der Wagen durchsucht worden. Wir hatten etwas Glück, denn manchmal kann diese Prozedur eine Stunde oder länger dauern – bei uns waren es aber nur ca. 30 Minuten. Dann ging es auf der anderen Seite weiter und wir sind bis nach Afula, dem ersten größeren Dorf nördlich von Jenin/der Westbank gefahren. Die Prozedur mit dem Checkpoint muss unser Fahrer jeden Tag machen – denn er wohnt zwar in Nazareth, studiert aber an der Arab-American University in Jenin. Auf die Frage warum er nicht in Israel studiert meinte er, dass es zu schwierig sei für Palästinenser, an eben den Unis in Israel zu studieren.
In der Park-Oase namens Gan Hashlosha war es dann auch sehr schön – künstlich angelegte Seen mit blau schimmerndem Wasser, umrandet mit Palmen und Bäumen und großen Wiesenanlagen. Allerdings hatten wir einerseits nur drei-vier Stunden, bevor wir wieder zurück mussten, da der Checkpoint zwischen 18 und 19 Uhr schließt. Und andererseits war es ein komisches Gefühl, so ganz unbeschwert dort zu liegen…interessanterweise waren aber auch einige muslimische Familien dort und haben sich gesonnt bzw. gebadet. Bei der ganzen Entspannung dort habe ich es ganz vergessen, Fotos zu machen...
Ich habe ja schon einige Male darüber geschrieben, dass ich durch meinen längeren Aufenthalt hier, auch die Erfahrungen der Menschen hier mit dem Leben unter Besatzung und gewissermaßen in einem ständigen Ausnahmezustand schon recht direkt mitkriege – über Gespräche, aber auch durch eben das Erleben von Checkpoints oder den Düsenjets, die über die Stadt brettern und ab und an auch die Schallmauer durchbrechen, was einen lauten, dumpfen Knall zur Folge hat. Einmal hat sogar unser Haus leicht vibriert… Über ein paar Geschichten der Menschen hier möchte ich kurz berichten:
Insbesondere während der zweiten Intifada ab 2000 hatte Jenin den ‚Ruf‘ als Terroristenstadt und Zentrum der Selbstmordattentäter – insbesondere aus dem Flüchtlingslager und einigen kleinen Dörfern direkt bei Jenin sind dutzende Attentäter hergekommen. Dies hatte zur Folge, dass die israelische Armee 2002 in das Flüchtlingslager eingezogen ist und dieses sowie große Teile der Stadt zerstört hat. Davon habe ich ja schonmal kurz geschrieben. Ein Freund aus unserem Team hat mir dazu vor einiger Zeit erzählt, dass er und seine Familie während des ‚Battles of Jenin‘ (der Schlacht von Jenin) über zwanzig Tage in deren Haus eingeschlossen waren. Es war eine Ausgangssperre über die Region verhängt worden von der Armee. Und nicht nur er und seine Familie, sondern auch viele Verwandte aus dem Lager waren im Haus und hielten sich versteckt. Als der Freund von mir versuchte, vor die Tür zu treten, hat innerhalb weniger Minuten sofort ein Scharfschütze vor ihm in den Sand geschossen. Wie haben sie diese lange Zeit überstanden? Mit Nahrungsmitteln, die sie in Konserven eigentlich immer im Keller lagern, sowie einem kleinen Brunnen. Er hat erzählt, dass sie auch heute noch viele, viele Konserven im Keller haben – denn man könne ja nie wissen, was die Zukunft bringt.
Eine andere Geschichte: Ayman, der Guesthouse-Manager, unser Koch hier, der köstliche Mittagessen zaubert und der Vater von dem niedlichsten Baby der Region (ja, genau, Habib!), hat mir vor einiger Zeit auf eine Frage hin erzählt, weshalb er eigentlich so gut kochen kann. Seine Familie mütterlicherseits lebt im Libanon. Als dort 1982 der Krieg auch mit Israel entbrannt war, musste seine Mutter zurück dorthin reisen und für die Familie dort sorgen, da ihre Eltern und ein Bruder dem Krieg zum Opfer gefallen waren. Die drei Brüder von Ayman sind zu der Zeit im Gefängnis gewesen und sein Vater musste den ganzen Tag (als Lehrer) arbeiten. Also blieb nur noch der damals zwölfjährige Ayman übrig, der für seine kleinen Schwestern sorgte, zu kochen lernte und so den Haushalt schmiss…
Und noch eine kleine Geschichte: Als ich vor einiger Zeit mit Amjad und Tariq nach einem Besuch in einem Coffee-Shop durch die Straßen von Jenin zog, erzählte mir Amjad plötzlich an einer Kreuzung mit einem Grinsen im Gesicht, dass er dort vor vier Jahren mit Steinen auf israelische Panzer geworfen hat. Den Jugendlichen/jungen Erwachsenen hier sind der Krieg, die regelmäßigen Ausschreitungen und der ganze Konflikt so sehr präsent – das ist für uns ‚Ausländer‘ wirklich schwer nachzuvollziehen.
So, das soll für heute genügen. Ich muss jetzt raus und arbeiten. Lieben Gruß und Salam!
P.S.: Von den Ausschreitungen, die es vor ein paar Tagen in Jerusalem gegeben hat, haben wir hier überhaupt nichts mitgekriegt. Es sind zwar für einige Tage die Checkpoints geschlossen worden, so dass kein Palästinenser aus dem Westjordanland raus und auch niemand mehr rein konnte, aber das lag nicht an den Ausschreitungen sondern daran, dass in Israel Feiertage gewesen sind – erst Jom Kippur und dann Sukkot – und an den Feiertagen wird meistens das komplette Westjordanland abgeriegelt…als Besatzungsmacht kann man’s ja machen…und wer fragt hier schon noch nach Legalität???
P.P.S.: Zu aller Letzt noch ein Foto – darauf ist Philipp zu sehen, wie er an der Straße neben der Park-Oase versucht, für uns eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, die uns nach Afula fährt. Clara hatte uns nämlich zuvor vorgeschwärmt, wie einfach es sei, mit Leuten hier mitzufahren. Tja, das ist es vielleicht für blonde Frauen…zwei dunkelhaarige Männer haben es da, wie wir feststellen musste, nicht so leicht. Zum Glück kam nach 10 Minuten der Bus, der dann auch uns mitgenommen hat!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen