Liebe Leute, knapp zwei Wochen habe ich nun nicht mehr geschrieben, weil es kurz vor, während und nach dem Festival einfach zu stressig gewesen ist. Nachdem ich nun vier schöne Tage in Jerusalem verbracht habe und seit Donnerstag wieder in Jenin bin, habe ich endlich etwas Zeit gefunden, die Fotos vom Festival zu bearbeiten und hochzuladen. Die nächsten Tage werde ich nach und nach vom Festival berichten. Tut mir, wie schon gesagt, sehr leid, dass es so lange gedauert hat. Aber ich gelobe Besserung, denn nun ist ja nicht mehr ‚sooo‘ viel zutun wie vor dem Opening.
Seitdem hat sich jedenfalls einiges getan. Die Hälfte der deutschen Volunteers ist wieder abgereist, da viele nur bis zum Opening ihren Aufenthalt geplant hatten. Somit gab es bereits mehrere Abende, an denen viele Leute verabschiedet wurden. Diese Abreisen haben natürlich auch zur Folge, dass wir uns hier als Team neu re-gruppieren und zusammenfinden müssen, weil es ja zwangsweise etwas zerpflückt ist. Somit hat es personell einige Umstrukturierungen und was Aufgaben angeht auch Neubesetzungen gegeben. Ich habe jetzt das Amt des Press Officers übernommen, da Liva, die dies zuvor gemacht hat, diesen Job nur bis zum Opening eingeplant hatte und sich nun auch wieder voll ihrem Job widmen möchte und muss.
Aber gut, soviel zu den ganz akuten Neuigkeiten – jetzt berichte ich erst einmal von der Vergangenheit und von dem großartigen Festival, von dem ja die meisten schon durch die diversen Zeitungs- und TV-Beiträge gehört haben dürfte. Das Medienecho ist wirklich überwältigend gewesen. Ich habe die letzten Tage einen Pressespiegel – d.h. eine Übersicht über die Berichterstattung – erstellt, den ich hier auch versuche hochzuladen. Heute habe ich alle Journalisten, die über uns berichtet haben, angeschrieben und um Belegexemplare ihrer Artikel gebeten – die ersten sind auch schon als PDFs angekommen. Aus Deutschland ist der Beitrag in der Süddeutschen Zeitung von Karin Steinberger am Schönsten – Karin ist ca. eine Woche hier gewesen und die Tatsache, dass sie das Team auch menschlich gut kennengelernt hat, spiegelt sich in ihrem Artikel wider.
Nun aber zur Eröffnung: Die Bauarbeiten am Kino gingen bis in den frühen Morgen des Eröffnungstages. Noch kurz vor Öffnung der Türen sind die letzten Schrauben festgezogen und die letzten technischen Einrichtungen getestet worden. Kurz vorher sind ja überhaupt erst die Stuhlreihen reingebracht und am Boden fixiert worden. Damit sah das Kino dann endlich wie ein richtiges Kino aus – Anne und ich haben noch schnell geprüft, dass auch alle Schrauben fest sind und auch niemand vom Stuhl rutschen kann. Hier ein paar Fotos von den letzten Tagen vorm Opening:
Am letzten Abend gab es nochmals ein letztes großes Gruppenmeeting und danach ein leckeres Buffet für das gesamte Team mit traditionellem palästinensischem Essen:
Zudem ist zwei Abende vorher auch das Logo ‚Cinema Jenin‘ an der Frontfassade des Kinos angebracht worden. Ca. 40 Menschen haben zugeschaut, wie der Techniker Buchstabe für Buchstabe der Leuchtschrift angebracht hat. Am Ende wurde ordentlich geklatscht, als das Licht aus- und die Leuchtbuchstaben angeschaltet wurden.
Auf diesem Bild sieht man die Schrift schön leuchten - das Bild ist allerdings erst einige Tage nach dem Opening entstanden, als von einem Kran der LED-Screen auf das Dach des Kinos gehievt wurde, der seitdem über das Programm des Kinos berichtet und in Zukunft über Werbeausstrahlungen Geld einbringen soll:
Am Abend vor der Eröffnung haben Liva, Tariq und ich (vom Presseteam) noch intensiv an der Pressemappe für die Journalisten gearbeitet. Diese bestand u.a. aus einer mehrseitigen Medieninfo über das Projekt, einem Ablaufplan des Festivals speziell für Journalisten, einer Übersicht über Spenden etc. Die längeren Texte sind zudem von Tariq ins Arabische übersetzt worden. Dies alles habe ich dann gelayoutet und in ein halbwegs passables Design eingepasst. Nach einer kurzen Nacht begann der große Tag des Openings für mich dann um 7 Uhr. Schnell geduscht, gefrühstückt und in Schale geworfen, ging es dann direkt wieder ins Büro, die Pressemappe fertigstellen und zum Copyshop bringen. Letzteres sollte ein kleines Abenteuer werden, da wir uns etwas mit der Druck-, Kopier- und Tacker-Arbeit verschätzt hatten. Von ca. 9:30 bis 12:00 Uhr haben wir im Namen von Cinema Jenin den gesamten Copyshop in Beschlag genommen – die Kopierer liefen, abgesehen von diversen Stromausfällen, non-stop und wir waren zusammen mit dem halben Copyshop-Personal dabei, alle unsere Dokumente zu tackern und zu sortieren. Dabei habe ich mit einer der Frauen, die dort gearbeitet haben, ein Gespräch über die israelische Besatzung geführt, in dem sie mich über meine Meinung gefragt hat und was denn das Kino tun kann bzw. ob es überhaupt helfen kann. Ich habe versucht so diplomatisch wie möglich meinen Standpunkt darzustellen – und zwar, dass ich natürlich auch gegen die Besatzung bin, aber in dem Kino viel Potential für Jenin sehe: nicht nur als Unterhaltungs- und Kulturort, sondern eben auch als zukünftiger Anbieter von Arbeitsplätzen. Gegen ihr Argument, dass die Menschen unter Besatzung keinen Spaß haben könnten im Kino, habe ich jedoch nichts entgegnen können…dafür kann ich als Deutscher auch nicht wirklich verstehen, was die Menschen hier alles durchgemacht haben… 2002 wie gesagt die Schlacht von Jenin und bis vor 1-2 Jahren noch regelmäßig Großeinsätze der Israelis vor Ort mit Panzern etc.
Nachdem die Pressemappe dann fertig gedruckt und sortiert war, sind Liva und ich mit einigen anderen des Teams zur Pressekonferenz gefahren, welche wir am Abend vorher schon dekorativ vorbereitet hatten. Die Konferenz lief mit ca. 40 Journalisten eigentlich sehr schön über die Bühne. Am Rednerpult saßen der Chef des Goethe-Instituts Ramallah, Mona Staiti (aus unserem Projekt), Fakhri Hamad (Projektleiter von paläst. Seite), der Direktor des deutschen Vertretungsbüros in Ramallah (sozusagen der Botschafter, wenn Palästina ein Staat wäre, in dem es eine deutsche Botschaft gäbe), der Gouverneur Jenins, Marcus Vetter, Ismael Khatib und Bianca Jagger (Menschenrechtsaktivistin und Ex-Frau von Mick Jagger). Hier ein paar Fotos:
Nach der Konferenz ging es dann zurück zum Office und wenig später begann auch schon die groß geplante Eröffnungszeremonie unter Teilnahme des palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad. Bei dessen Ankunft hat eine lokale Trommeltruppe (The Marshalls) zur Begrüßung gespielt. Auf deren Shirts steht hinten ‚1948‘ geschrieben – das Datum, was für die Israelis Volksfest ist (da Gründung Israels und israelischer Unabhängigkeitskrieg), für die Palästinenser aber die Nakba – d.h. die Katastrophe, da es deren Vertreibung aus Palästina markiert. Letzteres wird leider in Israel nach wie vor kaum bis gar nicht unterrichtet…ein öffentliches Gedenken daran steht teilweise sogar unter Strafe…
Durch Fayyad und den Gouverneur Jenins wurde schließlich das rote Band vor dem Kino durchschnitten und die Zeremonie im Innenraum konnte beginnen mit einer Reihe von Reden (u.a. von Fayyad selbst) und musikalischen Darbietungen. Ich hatte zum Glück im Office nicht allzu viel zutun, da die ganzen Journalisten natürlich vor dem bzw. im Kino zu Gange waren. So konnte ich immer mal wieder ins Kino schauen.
Hier Fotos von der Ankunft Fayyads - unter Großaufgebot von Sicherheitskräften:
Nach der Zeremonie innen wurde schließlich auch der Garten und die Cafeteria draußen feierlich eröffnet. Danach ging es dann draußen mit Essen und Musik weiter. Hier ein paar Fotos aus der Feier im Garten:
Zwischendrin musste Marcus immer wieder Interviews geben (hier glaube ich für Al-Jazeera) und auch dieser kleine Junge ist mit einer Kamera beschäftigt gewesen:
Zu guter Letzt: ein etwas schräges Foto - ich weiß nicht, wer diese Frau ist, aber nach kurzer Nachfrage bei den Sicherheitskräften durfte ich das Foto schießen:
Und im Anschluss wurde als Eröffnungsfilm – welcher anderer könnte es sein – „Das Herz von Jenin“ gezeigt. Das war schon eine interessante Atmosphäre, diesen Film in Jenin und unter Beisammensein von Ismael Khatib, dessen Geschichte der Film ja erzählt, zu schauen. Ismael hat den Film seit dessen Fertigstellung sicherlich schon dutzende Male gesehen. Immer wieder den Tod seines Sohne, die Entscheidung die Organe zu spenden und die Treffen mit den Empfängerkindern… was für ein starker Mann.
Im Anschluss an den Film wurde der Eröffnungstag durch ein wunderbares Konzert vom Trio Joubran abgeschlossen. Das Bruder-Trio macht traditionelle palästinensische Musik mit der Oud-Gitarre, wobei die drei improvisieren und leicht verjazzt spielen.
Hier ein Video von einem ihrer vergangenen Konzerte:
Zum Abschluss noch ein Gedanke: Morgen bin ich nun seit vier Wochen in Jenin. Die Zeit ist verdammt schnell vergangen, was bei den vielen Eindrücken und der ganzen Arbeit für das Festival ja auch kein Wunder ist. Wir leben hier mehr oder weniger im 'Mikrokosmos Cinema Jenin', der sich zwischen Guesthouse, dem Kino und den Büroräumen - die sich alle in einem Umkreis von 100m befinden - ausstreckt. Bis auf einen kleinen 'Ausflug' zum Markt und einer kleinen Exkursion letzte Woche zu einem Fluss ca. 1 Stunde von hier und nach Nablus habe ich von Jenin noch nichts gesehen. Das werde ich nun - nach der Eröffnung des Kinos – endlich alles nachholen können. Morgen oder übermorgen werde ich das Angebot von Yousef in Anspruch nehmen und mir das Flüchtlingslager hier zeigen zu lassen. Es ist leicht, hier im ‚Mikrokosmos‘ zu vergessen, wo man ist – d.h. in einem Krisengebiet, in dem alle Menschen schmerzhafte Erinnerungen haben an Krieg, Zerstörung und den Verlust von Freunden und Familie. Während des Festivals sind außer ‚Das Herz von Jenin‘ am dritten Tag zwei weitere Dokumentarfilme über Jenin gezeigt worden, durch die ich erstmals mehr über die Geschichte der Stadt und das Leben der Menschen hier gelernt habe. Insbesondere die Auswirkungen von und das Leben während der Zweiten Intifada – dem zweiten Aufstand der Palästinenser gegen die Bestatzung Anfang der 2000er – sind darin thematisiert worden. Aber dazu mehr, wenn ich vom dritten Tag erzähle.
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