Nur noch sechs Tage bis zur Eröffnung und sowohl das Baustellen- als auch das Planungsteam sind rund um den Tag am rotieren und arbeiten. Das Kino nimmt immer mehr Form an. Die Wände sind komplett bekleidet, der Innenboden fertig und auch das Außengelände mit Open-Air-Kino und der Cafeteria sehen immer fertiger aus. Neue Fotos habe ich noch keine gemacht, das werde ich aber heute im Laufe des Tages nachholen und dann im nächsten Eintrag reinstellen.
Ich bin nun, wie schon geschrieben, im Presseteam für das Eröffnungsfestival zusammen mit Liva, die in Deutschland die letzten Monate die Pressearbeit für Cinema Jenin gemacht und sämtliche Presseanfragen bearbeitet hat. Die letzten zwei Tage habe ich eine Medieninfo - d.h. einen sechsseitigen Text, der in die Pressemappe für die Journalisten kommt - überarbeitet und auch sprachlich das Englisch etwas geglättet. Daneben planen wir unserer Aufgaben insbesondere für den ersten Tag des Festivals. Für die Eröffnung haben sich knapp 100 (!) lokale wie internationale Journalisten angekündigt - u.a. von ARD, ZDF, The Guardian, Le Monde, Al-Jazeera... Wird also viel zutun für unser Team, denn wir werden einen Stand im so genannten 'Welcome Center' haben, in dem alle Ankömmlinge des Festivals empfangen werden. Die Journalisten erhalten dort ihre Akkreditierung, Festivaltickets und eben die Pressemappe mit allgemeinen Informationen. Zudem müssen wir natürlich auch für allgemeine Fragen Rede und Antwort stehen bzw. die Journalisten an die entsprechenden Verantwortlichen verweisen können.
In den letzten zwei Tagen hat es zudem ein Diskussionsthema gegeben, welches mir und uns allen nochmals vor Augen geführt hat, dass wir hier in einem Konfliktland arbeiten und eben dieser Konflikt ein sehr sensibles Thema ist. Und zwar haben sich auch Israelis für das Festival angemeldet und es wurde ihnen zunächst auch mitgeteilt, dass ihre Teilnahme möglich und auch sicherheitstechnisch gesichert werden würde. Dazu muss man wissen, dass Jenin zu einer Zone in dem Westjordanland gehört, dass Israelis nicht betreten dürfen - und diese dies im Grunde auch kaum wollen, da Jenin eben bis vor wenigen Jahren noch Schauplatz von Kämpfen zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Widerstandskämpfern gewesen ist. Es werden allerdings teilweise Ausnahmen gemacht, wobei die Israelis dann ein Dokument unterschreiben müssen, in welchem sie u.a. angeben, dass sie für eine Zwei-Staaten-Lösung sind.
Dies hat für einige jedenfalls heftige Diskussionen gesorgt - zwar sind insbesondere die Palästinenser, die an dem Projekt mitarbeiten sehr liberal eingestellt und haben selbst nichts gegen Israelis (außer Soldaten und Siedlern, versteht sich). Aber das Kino ist halt nicht nur für seine Macher, sondern eben für Palästina und für die Menschen die hier lokal leben. Und viele dieser Menschen haben - durchaus verständlich - eine sehr kritische Sichtweise gegenüber Israel und allen seinen Bürgern. Bis vor zwei Jahren gab es quasi nächtlich Gefechte zwischen der IDF (Israeli Defense Force) und Palästinensern in der Stadt und 2002 wurde, wie ich ja schonmal kurz erwähnt hatte, das Jenin Flüchtlingslager komplett durch die Israelis zerstört. Dazu muss gesagt werden, dass in der Vergangenheit eine Vielzahl der Selbstmordattentäter, die sich in Israel in die Luft gesprengt haben, aus Jenin gekommen waren.
Zwei der Gründer des Vereins Cinema Jenin e.V. - Markus Vetter und Fakhri Hamad - fanden die Idee, Israelis beim Festival zu haben, anfangs gar nicht schlecht. Schließlich soll das Projekt grenzenübergreifend auch als Friedensprojekt verstanden werden. Aber einige, emotionale, intensive Diskussionen später war dann klar, dass das Kino noch zu jung und zu neu ist, um sich dieser sensiblen Thematik derart anzunehmen. Zudem hat es von einigen Seiten bereits Vorwürfe gegeben, dass das Kino-Projekt zu wenig die hiesige Kultur beachte. Dieser Vorwurf konnte dann aus der Welt geschaffe werden, als immer mehr lokale Bürger in das Kino eingeladen wurden und natürlich auch dutzende Palästinenser aus Jenin und den Orten drumherum mithelfen. Trotzdem hätte gerade ein Besuch von Israelis beim Eröffnungsfestival zur Folge haben können, dass dieses Festival zugleich zum Abschlussfestival wird, weil das Kino nicht mehr akzeptiert werden würde. Und das haben dann auch Markus und Fakhri heute eingesehen, so dass wir den Israelis nun nur noch diplomatisch kommunizieren müssen, dass ihre Anmeldung zwar nett gemeint war, wir sie aber aufgrund der fragilen Lage hier nicht akzeptieren können.
So, soweit von mir. In fünfzehn Minuten ist wieder Team-Meeting im Garten hinter dem Kino. Ich werde nachher einen letzten Blick auf die Mediainfo werfen und dann noch ein paar Portraits von einigen der Hauptverantwortlichen hier vom deutschen ins englische übersetzen. Die letzten Tage werden intensiv...ich will aber auf jeden Fall noch ein paar Mal auf der Baustelle mitarbeiten :-)
Salam,
Daniel
P.S.: Ein kurzer Zusatz zum täglichen Leben hier: Das Wasser hier wird von der Stadt ca. 1-2 mal die Woche in Wassertanks auf den Hausdächern geliefert. Da wir im Guesthouse mittlerweile bald 50 Leute sind, ist das Wasser in den letzten vier Tagen bereits dreimal alle gewesen. So auch heute - und an einem Freitag ist hier Feiertag und somit hat auch der Wasserlieferant frei. Ich habe zum Glück noch duschen können, aber ab 10 Uhr ging bzw. lief nichts mehr. Es hat dann fünf Stunden gedauert, bis wir den zuständigen Lieferanten haben aus seinem Haus, in sein Büro und mit dem Wasser-LKW hierher rütteln konnten. Für mich heißt das, dass ich morgen wieder rechtzeitig aufstehen werde...denn bei der Hitze hier ist es ohne eine kurze Dusche morgens oder zumindest ein kurzes Waschen doch etwas ungemütlich...
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